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                <title>Thomson's Agamemnon </title>
                <author>Thomson </author>
                <respStmt>
                    <resp>Übersetzung </resp>
                    <name>Lessing </name>
                </respStmt>
                <respStmt>
                    <resp>Digitale Edition </resp>
                    <name>Christian Werner </name>
                    <name>Marcus Baumgarten </name>
                </respStmt>
                <respStmt>
                    <resp>Projektleitung </resp>
                    <name>Dr. Helmut Berthold </name>
                </respStmt>
                <respStmt>
                    <resp>Herausgegeben von </resp>
                    <name type="org">Lessing Akademie </name>
                </respStmt>
                <funder>Deutsche Forschungsgemeinschaft </funder>
            </titleStmt>
            <editionStmt>
                <edition>Digitale Edition der Übersetzungen Lessings </edition>
            </editionStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>
                    <name type="org">Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel </name>
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                        <street>Lessingplatz 1 </street>
                        <name type="city">Wolfenbüttel </name>
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                        <name type="country">Germany </name>
                    </address>
                </publisher>
                <date when="2007-03-22" type="issued">2007 </date>
                <date type="digitised"/>
                <distributor>Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel </distributor>
                <availability status="free">
                    <p>Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel ( <ref
                            target="http://diglib.hab.de/?link-012">copyright information </ref>)
                    </p>
                </availability>
            </publicationStmt>
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                    <analytic xml:lang="de">
                        <author>Lessing, Gotthold Ephraim </author>
                        <title level="a">Agamemnon </title>
                    </analytic>
                    <monogr>
                        <title level="m">Lessing's Werke </title>
                        <author>Lessing, Gotthold Ephraim </author>
                        <imprint>
                            <biblScope type="vol">Elfter Theil. </biblScope>
                            <biblScope type="part">Kleinere Schriften zur dramatischen Poesie und
                                zur Fabel. </biblScope>
                            <biblScope type="issue">Zweite Abtheilung. </biblScope>
                            <biblScope type="pp">S. 519-538 </biblScope>
                            <publisher>Boxberger, Robert (anonym); Hempel, Gustav </publisher>
                            <pubPlace>Berlin </pubPlace>
                            <date>1876 </date>
                        </imprint>
                    </monogr>
                    <series xml:lang="de">
                        <title level="s">Lessing's Werke </title>
                        <editor>Gustav Hempel </editor>
                    </series>
                </biblStruct>
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                <p xml:id="lport">
                    <ref target="http://diglib.hab.de/?link-XXX">Digitale Edition der Übersetzungen
                        Lessings</ref>
                </p>
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            <pb n="519"/>
            <note type="annotation" resp="editor">
                <p><rs type="person" ref="#thom">Thomson</rs>'s Agamemnon.</p>
                <p>Fragment einer Uebersetzung.</p>
                <p>Nachdem <hi rend="spaced">Lessing</hi> in seinem <q>Leben des Herrn Jakob
                    Thomson</q> aus einer früheren Uebersetzung des <hi rend="spaced">Agamemnon</hi>
                    die Erzählung des Melisander von seinem Aufenthalt auf einer wüsten cycladischen
                    Insel <note type="footnote" n="1">Dieselbe Erzählung, aus der er auch im
                            <q>Laokoon</q> (Werke, Th. <hi rend="font-family: antiqua">VI</hi>. S.
                        38) eine Stelle nach dem Originale anführt.</note> angeführt hat, fährt er
                    fort: <q>Ich habe mich nicht enthalten können, diese Stelle abzuschreiben, und
                        zwar nach der obgedachten Uebersetzung. Sie ist in Göttingen im Jahr 1750
                        auf 7 Bogen in Octav ans Licht getreten. Ihren Urheber weiß ich nicht zu
                        nennen; zwar könnte ich mit einem <hi rend="spaced">Vielleicht</hi>
                        angezogen kommen; doch dieses <hi rend="spaced">Vielleicht</hi> könnte sehr
                        leicht falsch sein. Wie man wird gemerkt haben, so ist sie gleich dem
                        englischen Originale in reimlosen Versen abgefaßt. Nur bei der Rolle der <hi
                            rend="spaced">Kassandra</hi> ist eine Ausnahme beobachtet worden; als
                        eine Prophetin redet Diese in Reimen, um sich von den übrigen Personen zu
                        unterscheiden. Der Einfall ist sehr glücklich, und er würde gewiß die beste
                        Wirkung von der Welt thun, wann wir uns nur Hoffnung machen dürften, diese
                        Uebersetzung auf einer deutschen Bühne aufgeführt zu sehen. Sie ist,
                        überhaupt betrachtet, treu, fließend und stark. Ihr Verfasser aber gestehet,
                        daß er die zweite Hand nicht daran habe legen können, sondern daß er den
                        ersten Entwurf dem Drucker ohne Abschrift habe ausliefern müssen. Diesem
                        Umstande also müssen wir nothwendig einige kleine Versehen zuschreiben, die
                        ich vielleicht schwerlich würde gemerkt haben, wenn ich nicht ehmals selbst
                        an einer Verdolmetschung dieses Trauerspiels gearbeitet hätte.</q> (Werke,
                    Th. <hi rend="font-family: antiqua">XI</hi>. 1. Abth. S. 246f.) Diese
                    Uebersetzung ist es, welche sich unter den Breslauer Papieren befindet. Sie ist
                    bis in die Mitte des fünften Auftritts des zweiten Aufzugs fortgeführt und
                    erscheint hier <hi rend="spaced">zum ersten Male</hi> gedruckt. In seinen
                    Anmerkungen zur Uebersetzung verweist Lessing öfter auf seinen Göttinger
                    Vorgänger.</p>
            </note>
            <pb n="520"/>
            <div type="drama">
                <head type="maintitle">Agamemnon.</head>
                <head type="subtitle">Ein Trauerspiel, aus dem Englischen des H. Thomson<lb/>
                    übersetzt.</head>
                <div type="akt" n="1">
                    <head type="aufzug">Erster Aufzug.</head>
                    <div type="szene" n="1">
                        <head type="auftritt">Erster Auftritt.</head>
                        <stage type="setting"><hi rend="font-weight: bold">Klytämnestra</hi>, in
                            einer trostlosen Stellung sitzend, und ihre <hi rend="font-weight: bold"
                                >Wärterin</hi>.</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Die Wärterin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Klytämnestra, meine königliche Gebieterin,<lb/> kann kein Trost
                                Deinen Schmerz auf kurze Zeit betäuben? <w>Seit<lb rend="bindestrich"/>dem</w> man in
                                vorigen Nächten die Flamme gesehn, die der König<lb/> zum Zeichen
                                des gestürzten Troja festgesetzet hatte, seitdem ist keine<lb/>
                                Speise über Deine ekelnden Lippen gekommen, kein Schlaf hat<lb/>
                                Deine Augen beglückt. Und wenn ja ein überhingehender
                                    <w>Schlum<lb rend="bindestrich"/>mer</w> Deine Seufzer einen Augenblick verstummen
                                ließ und Deine<lb/> Zähren unterbrach, so fuhrest Du doch plötzlich
                                mit wildem Schrecken<lb/> wieder auf und schriest: <q>O Schuld! o
                                    Aegisthus! Troja! <w>Aga<lb rend="bindestrich"/>memnon</w>!</q> Wahrhaftig,
                                Königin, das ist zu viel!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Weg! Weg! Mein verlorener Zustand ist<lb/> keiner Erleichterung
                                fähig. Laß mir den kläglichen Trost aller
                                <w>Un<lb rend="bindestrich"/>glückseligen</w>, daß ich mich meiner Betrübniß
                                überliefern darf!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Die Wärterin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Höre mich, Gebieterin, ehedem theure Last<lb/> meiner betagten Arme,
                                Du meine zärtliche Sorge von der ersten<lb/> aufbrechenden Blüthe
                                des Lebens an, meine Freude, mein Ruhm,<lb/> höre Deine getreue
                                Dienerin, laß mich noch hinzusetzen, Deine<lb/> Freundin! In den
                                Augen der Vernunft, die nie nach parteiischen<lb/> Absichten
                                urtheilet, ist Dein Unglück weit größer als Deine Schuld.<lb/>
                                &#8212; &#8212; Deine Schuld? Verzeihe, das Wort ist für das
                                zu hart<lb/> [als daß es dem beigelegt werden könnte], was mehr
                                Mitleiden<lb/> als Tadel verdient. Ich weiß, durch was für
                                verrätherische Griffe<lb/> Du aus der angenehmsten Ruhe in diese
                                unseligen <w>Bekümmer<lb rend="bindestrich"/>nisse</w>, in diese ängstlichen
                                Verwirrungen versunken bist.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Fort mit mir aus dem Angesichte der Welt!<lb/> Aller Trost ist
                                umsonst. &#8212; &#8212;</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Die Wärterin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Erlaube, daß ich Deine nicht so schlimme<lb/> Sache gegen Dich selbst
                                führen darf! Als Agamemnon die Griechen<lb/> nach Troja führte und
                                Dich für das Gepränge des Krieges <w>ver<lb rend="bindestrich"/>ließ</w>; als er Dich,
                                Du Schmuck Griechenlands, Du holdseligste<lb/> Mutter, Dich
                                zärtlichstes Gemahl, in der vollen Blüthe Deiner<pb n="521"/>
                                Schönheit, wenn anders das Gerücht wahr redet, für Trojanische<lb/>
                                Sclavinnen vergaß &#8212; &#8212; Doch dieses beiseite!
                                &#8212; &#8212; &#8212; Wie<lb/> verließ er Dich?
                                &#8212; sprich! Als eine betrübte, gereizte Königin<lb/> und
                                Mutter, die in Aulis mit ihrer erstgebornen Hoffnung, der<lb/>
                                blühenden Iphigenia, unter dem Vorwande ihrer gleich zu
                                    <w>er<lb rend="bindestrich"/>folgenden</w> Verbindung mit dem Achilles verrathen
                                ward. Kaum<lb/> war die vom Winde aufgehaltene Flotte angelangt, als
                                Du ihr<lb/> unsträfliches Blut [auf dem befleckten Altar der Diana
                                strömen<lb/> sahest], den Preis der Winde und theuer erkauften
                                Lüfte, die sie<lb/> nach Troja bringen sollten, von dem befleckten
                                Altare der Diana<lb/> strömen sahest. [Durchdrungen] Du warst von
                                Herzeleid <w>durch<lb rend="bindestrich"/>drungen</w>, zur Raserei und beinahe zur
                                Rache gegen einen <w>grau<lb rend="bindestrich"/>samen</w>, hochmüthigen Ehemann
                                angereizt; alle Leidenschaften<lb/> schwärmten in Dir unordentlich
                                unter einander, sie waren auf<lb/> dem Punkte, sich zu verändern;
                                und doch ließ er Dich in der<lb/> Gewalt eines schmeichelnden,
                                unterthänigen Liebhabers, den er<lb/> Dir in Verwaltung des Reichs
                                zum Gehülfen gab, und der gegen<lb/> Dich ebenso biegsam als
                                Agamemnon übermüthig war. </p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <stage type="business" rend="font-size: small">(steht auf)<note
                                    type="footnote" resp="lessing" n="*"><hi
                                        rend="font-family: antiqua">Rising</hi> steht im Englischen;
                                    ich weiß nicht, warum es mein <rs type="person" ref="#unbekannt">Vorgänger</rs> übersetzt hat: <hi
                                        rend="font-family: antiqua">in einer starken
                                    Gemüthsbewegung</hi>. So lange hatte sie gesessen, und nunmehr
                                    steht sie auf. Freilich zeigt diese Bewegung zugleich ihre
                                    innerliche Verfassung mit an; deswegen aber kann man hier nicht
                                    Eines für das Andere setzen. Diese kleine Erinnerung ist für die
                                    Schauspielerin, welche die Meinung des Dichters schlecht
                                    erfüllen würde, wenn sie sich nur in einer heftigen
                                    Gemüthsbewegung zeigte und nicht zugleich aufstünde. - <rs
                                        type="person" ref="#less" rend="spaced">Lessing</rs></note>
                            </stage>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ach, es ist nur allzu wahr! Du<lb/> hast die Quelle meines Unglücks
                                entdeckt. Warum verließest Du<lb/> mich, barbarischer Agamemnon? und
                                verließest mich weinend um<lb/> die ermodete Tochter? Warum
                                überließest Du mich hülflos <w>mei<lb rend="bindestrich"/>nem</w> verwirrten Gemüthe?
                                Ach, warum verkauftest Du mich<lb/> selbst meinem Liebhaber? Ich
                                weiß es allzu wohl, was Aegisthus<lb/> für Künste anwendete, welche
                                das Herz eines Frauenzimmers <w>un<lb rend="bindestrich"/>vermerkt</w> stehlen und süß
                                bezaubern! Weg, theure, klägliche Ideen!<lb/> Weg, Ihr Verderber!
                                Und noch wagt Ihr es [mich in diesem<lb/> Augenblicke], treulose
                                Sirenen, mich in diesem Augenblicke zu <w>ver<lb rend="bindestrich"/>suchen</w>? O
                                Natur! warum hast Du uns, Natur, so <w>wider<lb rend="bindestrich"/>sprechend</w>
                                gebildet? Zu einem beständigen Spiele streitender<lb/> Kräfte! Ach,
                                warum hast Du einen solchen Krieg in uns <w>ge<lb rend="bindestrich"/>pflanzt</w>,
                                einen so ungleichen Streit zwischen der trägen Vernunft<lb/> und der
                                ungestümen Leidenschaft? Die Leidenschaft reißt uns ohne<lb/>
                                Widerstand mit sich fort, ehe uns die langweilige Vernunft zu<pb
                                    n="522"/> Hülfe kommen kann, und dann nutzt sie uns nichts, als
                                daß sie<lb/> und Vorwürfe macht. [Hör auf!] Laß nach, Peiniger!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Die Wärterin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Du thust Dir selbst allzu viel Unrecht. <w>Be<lb rend="bindestrich"/>denke</w>, wie Du
                                der Liebe Jahre durch ausgewichen bist. Aegisthus,<lb/> ob er gleich
                                Dein Herz rührte, obgleich manche mitternächtliche<lb/> Zähre,
                                mancher verborgene Seufzer mir, und mir nur allein
                                <w>Dei<lb rend="bindestrich"/>nen</w> Schmerz entdeckte, der Deine verschwindenden
                                Wangen <w>ver<lb rend="bindestrich"/>dunkelte</w>, doch konnte er mit allen seinen
                                Künsten und Reizen, mit<lb/> aller seiner Liebe und Unterwürfigkeit
                                den ringenden Vorsatz der<lb/> Seele nicht überwältigen, bis er den
                                Melisander in eine wüste<lb/> Insel von Deinen Ohren verbannte.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ach, Melisander! Du wardst eine Beute<lb/> wilder Thiere oder des
                                noch wilderen Hungers.<note type="footnote" resp="lessing" n="*"><hi
                                        rend="font-family: antiqua">Given to the beasts a prey, or
                                        wilder famine</hi>. Dieses hat mein <rs type="person" ref="#unbekannt">Vorgänger</rs> ganz falsch
                                    übersetzt: <hi rend="spaced">Dich gab ich den Thieren preis; ihr
                                        wilder Hunger hat längst meinen Freund verdauet.<note
                                            type="footfootnote" resp="editor" n="1">Vgl. hierzu die
                                            Stelle im <q>Leben des Herrn Jakob Thomson</q> (Werke,
                                            Th. <hi rend="font-family: antiqua">XI</hi>. 1. Abth. S.
                                            247): <q>Zum Exempel in der ersten Scene des ersten
                                                Aufzuges werden die Worte <hi
                                                  rend="font-family: antiqua">given to the beasts
                                                  a prey, or wilder famine </hi> übersetzt: <hi
                                                  rend="spaced">Dich gab ich den Thieren preis;
                                                  ihr wilder Hunger hat längst meinen Freund
                                                  verdauet </hi>. Ich will hier nicht erinnern,
                                                daß zwar <hi rend="spaced">Aegisthus</hi>, aber
                                                nicht <hi rend="spaced">Klytämnestra </hi> den <hi
                                                  rend="spaced">Melisander</hi> auf die wüste
                                                Insel setzen lassen, auch nicht, daß der Ausdruck:
                                                  <hi rend="spaced"> der wilde Hunger der Thiere
                                                  hat ihn schon längst verdauet</hi>, der schönste
                                                nicht sei, sondern nur dieses muss ich anmerken, daß
                                                  <hi rend="font-family: antiqua">wilder
                                                famine</hi> gar nicht auf <hi
                                                  rend="font-family: antiqua">beasts</hi> gehet,
                                                und daß der Dichter die <hi rend="spaced"
                                                  >Klytämnestra</hi> eigentlich sagen läßt: <hi
                                                  rend="spaced">entweder die Thiere haben ihn
                                                  umgebracht, oder er hat verhungern
                                            müssen.</hi></q> &#8212; A. d. H.</note> &#8212;
                                        Erstlich</hi> ist es falsch, daß ihn Klytämnestra den
                                    Thieren preisgegeben habe; Aegisthus war es der ihn in die wüste
                                    Insel verwies. <hi rend="spaced">Zum Andern</hi> bezieht sich
                                        <hi rend="font-family: antiqua">wilder famine</hi> nicht auf
                                        <hi rend="font-family: antiqua">beasts</hi>, sondern sie
                                    will sagen: entweder die Thiere haben ihn daselbst umgebracht,
                                    oder er hat verhungern müssen. <hi rend="spaced">Drittens</hi>
                                    ist der Ausdruck: <hi rend="spaced">die Thiere haben meinen
                                        Freund verdauet</hi>, sehr niedrig und ekel. Ich bin kein
                                    Spötter, sonst würde ich fragen, warum der Uebersetzer nicht
                                    noch einen Schritt weiter über die Verdauung gegangen sei.
                                    Alsdann wäre es vielleicht noch nachdrücklicher. Doch sollte ich
                                    nicht bedenken, daß dergleichen Redensarten von unsern neuern
                                    Dichtern einen nicht geringen Platz unter dem Erhabenen bekommen
                                    haben? Wenigstens ist: <hi rend="spaced">die Thiere haben meinen
                                        Freund verdauet</hi>, nicht schlechter als ein: <hi
                                        rend="spaced">sie sind mir ein Gestank in der Nase</hi>.
                                    &#8212; <rs type="person" ref="#less">L.</rs>
                                </note> Ach, <w>unglück<lb rend="bindestrich"/>licher</w> Freund! Hellas' führendes
                                Licht, das mir Agamemnon, mein<lb/> Reich zu regieren, hinterließ!
                                Du, den alle Wissenschaften und<lb/> alle Musen geschmückt hatten,
                                weil Dein redliches, ehrliebendes<lb/> Herz ihnen alle Ehre machte!
                                O, wärest Du stets um mich <w>ge<lb rend="bindestrich"/>blieben</w> so würde ich heute
                                ebenso beglückt sein, als ich unglücklich<lb/> bin! Die Gottheit
                                strahlet empfindbar aus der Tugend, aus der<pb n="523"/> reinen,
                                großmüthigen, sich nichts anmaßenden Tugend. Selbst ihr<lb/>
                                Schweigen redet, und ohne stolze, förmliche Lehren bringt sie
                                uns<lb/> Verachtung des elenden beschimpfenden Lasters bei. Mit
                                ihm<lb/> aber, mit Melisander, verlor ich Vernunft, Namen,
                                Ehrliebe,<lb/> Wahrheit und lautre Ermahnungen; mit ihm entwich mein
                                guter<lb/> Genius. Ohne Freund, geschmeichelt, bestürmt, bezaubert,
                                ward<lb/> ich mit der Alles verführenden Liebe allein gelassen; der
                                Liebe,<lb/> die, blind für das Zukünftige, alle gesunden Gedanken,
                                alle<lb/> Folgerungen verachtet, über Alles spottet, außer was ihr
                                die sie<lb/> selbst bezaubernden Träume einblasen. Was konnte ich
                                thun?<lb/> &#8212; &#8212; &#8212; Doch weg, Dir selbst
                                schmeichelnde Sünde! Ich hätte<lb/> bedenken sollen, daß die Ehre,
                                wann sie einmal befleckt ist, von<lb/> keinen Thränen der winselnden
                                Reue kann wieder reingewaschen<lb/> werden; daß eine Beschimpfung
                                wie die meinige die stolze Ehre<lb/> eines vermählten Königs und
                                meine Kinder, meine armen, <w>un<lb rend="bindestrich"/>sträflichen</w> Kinder, mit
                                Schande überhäufen müsse; daß ihre Wange<lb/> bei dem Namen ihrer
                                Mutter entbrennen würde; ich hätte denken<lb/> sollen &#8212;
                                &#8212; Ach, könnte ich nur nicht mehr denken! Das Denken<lb/>
                                ist eine Marter!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Die Wärterin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Was hilft das, Königin?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ach, Melisander! Itzt, könnte der Tod<lb/> hören! itzt würde ich
                                Deinen freundschaftlichen Beistand anrufen,<lb/> in dieser Stunde
                                der Verwirrung wollt' ich Deine Gegenwart<lb/> erflehen. Vielleicht
                                hat die Weisheit, die leutselige <w>Weis<lb rend="bindestrich"/>heit</w>, die unsere
                                Schwäche kennt und sie also verzeihen kann,<lb/> vielleicht hat sie
                                einen heilenden Trost für ein schuldiges Gemüth,<lb/> vielleicht hat
                                sie einige Gewalt, es wieder zur Ruhe zu locken, und<lb/> befiehlet
                                ihm aufs Neue, ohne Verstellung zu lächeln. Doch
                                    <w>frucht<lb rend="bindestrich"/>loser</w> Wunsch! Nein, er kann nicht, er kann
                                nicht erfüllt <w>wer<lb rend="bindestrich"/>den</w>! Aegisthus, der mir von nun an
                                Gesetze geben mag, die Furcht<lb/> der Entdeckung, der
                                schrecklichste Tyrann der Schwachen, und mein<lb/> eignes
                                mitschuldiges, beflecktes Herz verbieten mir, zurückzugehen.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Die Wärterin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Hier ist, Gebieterin, der Mann, der auf<lb/> seiner Wache das feurige
                                Zeichen des überwundenen Troja's <w>be<lb rend="bindestrich"/>merket</w> hat und itzt
                                Deinen Befehl erwartet, Dir von Allem, was<lb/> er sah, mehr
                                Nachricht zu geben.</p>
                        </sp>
                    </div>
                    <div type="szene" n="2">
                        <head type="auftritt">Zweiter Auftritt.</head>
                        <stage type="setting"><hi rend="font-weight: bold">Klytämnestra</hi>. Ihre
                                <hi rend="font-weight: bold">Wärterin</hi> und <hi
                                rend="font-weight: bold">der Mann</hi>, der das Zeichen gesehen hat.</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Bist Du denn gewiß, daß Du das Zeichen<lb/> gesehen hast? Oder war es
                                ein Hirngespinnst, das Dir Dein<pb n="524"/> wachender Wunsch im
                                Schlafe vormalte, oder auch vielleicht ein<lb/> nächtliches
                                Luftzeichen?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Der Mann</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Meine Königin, Troja ist nun gewiß ein <w>Stein<lb rend="bindestrich"/>haufen</w>. Ich
                                sahe das Zeichen seines Schicksals allzu deutlich. Die<lb/> Nacht
                                war dunkel und stille. Mir bedeckte eine dichte Finsterniß<lb/> die
                                Erde. Die Sterne waren tief in traurige Wolken verhüllet,<lb/> und
                                auf der Erde schimmerte in und um Mycen kein Strahl: als<lb/>
                                schnell am entferntesten Ost<note type="footnote" resp="lessing"
                                    n="*"><hi rend="font-family: antiqua">At farthest east</hi>.
                                    Mein <rs type="person" ref="#unbekannt">Vorgänger</rs> hat es übersetzt: <hi rend="spaced">am
                                        allerersten Ost</hi>. Eine sehr gezwungene Undeutlichkeit.
                                    &#8212; <rs type="person" ref="#less">L.</rs></note> ein
                                rothes Licht auffuhr und sich,<lb/> weit um sich greifend,
                                fortwälzte. Bald fiel es, bald stieg <w>wie<lb rend="bindestrich"/>der</w>, gleich
                                feurigen Wellen. Die brennende Nachricht trug sich<lb/> von Insul zu
                                Insul, von Vorgebirge zu Vorgebirge weiter, bis<lb/> sich die letzte
                                Flamme ganz deutlich in Nauplia endigte. Welch<lb/> herrlicher
                                Anblick! Wie freute sich mein griechisches Herz!<note resp="lessing"
                                    n="**" type="footnote"><hi rend="font-family: antiqua">And as a
                                        Greek rejoic'd me</hi>: <hi rend="spaced">und als ein
                                        Grieche erfreute ich mich darüber</hi>, sagt das Original.
                                    Wenn der <rs type="person" ref="#unbekannt">Göttingische Uebersetzer</rs> nur gesagt hätte: <hi
                                        rend="spaced">es schwoll mein treu und griechisch Herz vor
                                        Lust</hi>, so wäre es sehr wohl und poetisch ausgedrückt
                                    gewesen; allein sein Zusatz: <hi rend="spaced">und drohet dem
                                        überwundnen Troja</hi>, ist sehr elend. Der <rs
                                        type="person" ref="#thom">Engländer</rs> schildert diesen
                                    Griechen als einen Mann, den die Siege seines Volkes erfreuen;
                                    der Uebersetzer aber bildet ihn durch diesen Zug als einen
                                    Poltron. Denn was soll das für eine Tapferkeit sein, einer
                                    überwundnen Stadt zu drohen? &#8212; <rs type="person"
                                        ref="#less">L.</rs></note></p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Was ist für Wind?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Der Mann</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Es bläset gerade von Troja her, stark und <w>an<lb rend="bindestrich"/>haltend</w>.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Gut! Geh nur wieder! Deine Sorgfalt und<lb/> treue Mühe soll Dir
                                belohnt werden.</p>
                        </sp>
                    </div>
                    <div type="szene" n="3">
                        <head type="auftritt">Dritter Auftritt.</head>
                        <stage type="setting"><hi rend="font-weight: bold">Klytämnestra</hi>. Ihre
                                <hi rend="font-weight: bold">Wärterin</hi>.</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Er kommt! Er kommt, der unglückliche<lb/> Sieger! Eben jetzt
                                durchstreicht sein triumphirendes Schiff das<lb/> hohe Meer und
                                durchpflüget mit siegrischem Schnabel die Wogen.<lb/> Vielleichht
                                begrüßet er schon sein väterliches Ufer und wird von<lb/> einer
                                freudigen Menge empfangen und eilet zu seiner Schande.<lb/> Mit
                                Ehren überhäuft, fröhlich über den Sieg und gekrönt mit<lb/> den
                                Lorbeern der zehn berüchtigten Jahre, träumt er, den
                                    <w>fried<lb rend="bindestrich"/>lichen</w> Oelzweig damit zu verbinden und nach
                                harten <w>Bemühun<lb rend="bindestrich"/>gen</w> des gefährlichen Krieges in dem
                                Myrtenbette einer ruhigen<lb/> häuslichen Glückseligkeit sanft zu
                                ruhen. Wie eitel ist die <w>Hoff<lb rend="bindestrich"/>nung</w>, wie kurz die
                                Aussicht eines leichtgläubigen Menschen! Ich<pb n="525"/> wag' es
                                nicht, vor mich zu sehen, noch mir das sich aufziehende<lb/> Wetter
                                vorzustellen.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Die Wärterin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Aegisthus kommt, Königin!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra.</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Verlaß mich!</p>
                        </sp>
                    </div>
                    <div type="szene" n="4">
                        <head type="auftritt">Vierter Auftritt.</head>
                        <stage type="setting"><hi rend="font-weight: bold">Klytämnestra</hi>. <hi
                                rend="font-weight: bold">Aegisthus</hi>.</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <stage>(nach einem kurzen Stillschweigen)</stage>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Wie, Klytämnestra?<lb/> begegnen Verliebte in Stunden der Gefahr
                                einander so? <stage type="delivery">(Er <lb/> hält inne.)</stage>
                                Währt das kalte Stillschweigen noch? Sind die Augen,<lb/> woraus
                                nichts als Zärtlichkeit strahlet, noch abgewabdt? Zorn,<lb/> Furcht,
                                Ekel und kranke Reue verfinstern Deine veränderlichen<lb/> Wangen.
                                Es ist offenbar, Du hast mich nie geliebt.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>O, wäre es wahr!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Es ist nur allzu wahr. Selbst das Vermögen,<lb/> so was zu wünschen,
                                beweiset es.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Der hat meine Liebe nie verdient, der daran<lb/> zu zweifeln
                            wagt!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Nicht daran zu zweifeln, würde Schwäche und<lb/> Thorheit sein.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Zweifle nicht blos, glaube Deinen Zweifeln!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ich thue es schon.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Du thust es?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Genug, ich bin von ihrer Wahrheit überzeugt.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Mir diesen niederträchtigen und <w>undank<lb rend="bindestrich"/>baren</w> Vorwurf zu
                                machen! Stürme nicht zu arg, Aegisthus, stürme<lb/> nicht zu arg auf
                                meinen schuldigen, niedergeschlagenen Geist! Ob<lb/> Du gleich meine
                                erhabne Tugend, den edeln Stolz meiner Seele,<lb/> der keine Furcht
                                kennet und keinen Vorwurf erträgt, unter Dich<lb/> getreten hast, so
                                will ich doch wenigstens gegen Dich, gegen <w>Nie<lb rend="bindestrich"/>mand</w> als
                                Dich so kühn sein, als hätt' ich nie gefühlt; Dir will<lb/> ich
                                Königin, Blut des Jupiter's und Klytämnestra sein!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Mäßige Dich! Ich habe nichts gesagt, als daß<lb/> ich Deiner Liebe
                                unwerth bin.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Verflucht sei der Hochmuth, der sich mit <w>ver<lb rend="bindestrich"/>stellten</w>
                                Mienen unter der Demuth verstecket! Und bin ich denn<lb/> so
                                niederträchtig, habe ich denn Verstand und Ehre so gänzlich<lb/>
                                verloren, daß ich mich ohne die Alles bezwingende Furie, ohne<lb/>
                                die Liebe, die erniedrigende, sinnlose, blinde Liebe, von der
                                Höhe<lb/> eines glücklichen Lebens zu dem niedrigen, ängstlichen
                                Stande der<pb n="526"/> kleinmüthigen Scham herablassen muß?
                                Verkenne mich nicht!<lb/> &#8212; &#8212; Dich von der
                                Eifersucht, der ärgsten Raserei, zu heilen,<lb/> wollte ich, da ich
                                so beschimpft bin, kein Wort, kein flüchtiges Wort<lb/> verlieren,
                                wenn nicht eine Art trauriger Gerechtigkeit, die ich mir<lb/> leider
                                selbst schuldig bin, dieses schimpfliche Bekenntniß der vollen<lb/>
                                Brust entriß. Wie bist Du gefallen! wie schimpflich bist Du
                                    <w>ge<lb rend="bindestrich"/>fallen</w>, unselige Klytämnestra!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ungerechte Auslegung! Und doch gefallen mir<lb/> diese verächtlichen
                                Blicke, und doch bezaubert mich dieser Zorn.<lb/> O mehr als
                                liebenswürdige, o majestätische Schöne! Da Du<lb/> die Stärke der
                                eifersüchtigen Liebe kennest, so vergieb ihrer
                                <w>zärt<lb rend="bindestrich"/>lichen</w> Furcht, ihrer schmeichelnden Beleidigung!
                                Ich gedachte Dich<lb/> nicht zu beleidigen.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra.</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>O Unglückselige, die vergeben muß!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Nein, lieber verstoße mich, als daß Du mir eine<lb/> so erzwungene
                                Vergebung vorwirfst! O Klytämnestra! wo sind<lb/> nun jene Blicke,
                                jene Blicke des lächelnden Himmels, der <w>strahlen<lb rend="bindestrich"/>den</w>
                                Freundlichkeit, die den Morgen unserer Liebe beglückten, dessen<lb/>
                                Bezirke sich kein Uebel, keine Traurigkeit nahen durfte, weil
                                wir<lb/> Beide, durch unsern Anblick entzückt, weder Furcht noch
                                Gefahr<lb/> kannten? Und sollten wir uns itzt in finstre Zänkereien
                                    <w>ein<lb rend="bindestrich"/>lassen</w>? Weg mit dem Zanke! Warum sollten
                                Liebhaber zanken?<lb/> Das Leben ist darzu zu kurz, die Zeit darzu
                                zu kostbar, und <w>beson<lb rend="bindestrich"/>ders</w> diese Augenblicke, diese
                                stürmische Augenblicke, die unser<lb/> gemeinschaftliches Schicksal
                                dem Verderben so nahe gebracht zu<lb/> haben scheinen. Eben itzt
                                &#8212; &#8212;</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Es ist wahr, es ist wahr! So oft ein hohler<lb/> Wind diesen Palast
                                erschüttert, so oft denke ich, Agamemnon<lb/> kommt. Und doch, und
                                doch, Aegisthus, weil noch ein Zeichen,<lb/> das vorzüglichste
                                Zeichen meiner Liebe übrig ist, so will ich Dir<lb/> es geben. Mit
                                Freuden will ich das königliche Gepränge <w>ver<lb rend="bindestrich"/>lassen</w> und
                                mit Dir den Augenblick ein entlegnes Land suchen, ein<lb/>
                                thracisches dunkles Thal, wo uns ein fichtener Hämus in seinen<lb/>
                                undurchdringlichen Schatten verbergen mag. Da soll mir das<lb/>
                                abscheulichste Leben, die härteste Arbeit gegen das, was ich
                                itzt<lb/> fühle, gegen die herben Schmerzen, die mein Herz foltern
                                und<lb/> meine verwirrten Leidenschaften beängstigen, eine
                                wollüstige<lb/> Ruhe sein. Geschwind! laß uns fliehen, Aegisthus,
                                laß uns diesen<lb/> Augenblick fliehen, der zweite möchte uns
                                ergreifen und uns der<lb/> Schande, der gräulichsten Schande
                                überliefern!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Was, Klytämnestra, fliehen? Das nur ist der<pb n="527"/> geradeste
                                Weg zur Schande, zur ewigen Beschimpfung. Der
                                    <w>Nieder<lb rend="bindestrich"/>trächtigste</w> auf der Welt ist Der, welcher
                                flieht und seinen großen<lb/> Vorsatz aufgiebt, es sei im Kriege
                                oder Frieden. Der aber,<lb/> welcher hartnäckig fortarbeitet, seinen
                                Zweck erreicht, der Zweck<lb/> sei, wie er sei, und sich durch den
                                Ausgang krönet, der ist ein Kind<lb/> des Glücks und der Ehre und
                                wird von dem Niederträchtigen,<lb/> von dem scheinheilig
                                Niederträchtigen, der ihn sonst mit den <w>schimpf<lb rend="bindestrich"/>lichsten</w>
                                Vorwürfen belästiget hat, am Meisten bewundert. Und<lb/> kannst Du
                                Dir träumen lassen, daß Dein Ehemann, Dein eitler,<lb/> ehrsüchtiger
                                Ehemann, der stolze Agamemnon, welcher zehn ganze<lb/> Jahre vor
                                Troja gefochten hat, den Raub Deiner Schwester Helena<lb/> zu
                                rächen, daß dieser uns nicht verfolgen sollte, wenn wir auch in<lb/>
                                Cimmeriens Schatten unsere Zuflucht suchten; daß er uns nicht<lb/>
                                zur alsdann verdienten und unbeklagenswerthen Beschimpfung<lb/>
                                zurückschleppen und der Verachtung des spöttischen
                                Griechenlands<lb/> bloßstellen würde?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Entschuldige mein schwächeres Herz! Aber,<lb/> Aegisthus, wie kann
                                ich den Anblick eines beleidigten Ehemannes<lb/> ertragen? Der
                                schrecklichste Feind hat kein so entsetzliches <w>An<lb rend="bindestrich"/>sehn</w>
                                als ein Gemahl, den wir beschimpfen.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Die Furcht, Klytämnestra, wirft ein falsches<lb/> Licht auf Deine
                                verwirrte Vernunft und blendet sie gänzlich. Er<lb/> ein beleidigter
                                Ehemann? Er beschimpft? Nein, nein, <w>Kly<lb rend="bindestrich"/>tämnestra</w> kann
                                den Agamemnon, ihren und des ganzen <w>Griechen<lb rend="bindestrich"/>lands</w>
                                Wüthrich, nimmermehr beleidigen; nimmermehr kann sie<lb/> einen
                                Ehemann beschimpfen, der sie zehn Jahre, zehn einsame<lb/> Jahre für
                                die eitle Ehre eines närrischen Krieges vergessen konnte!<lb/> Und
                                wenn der Ruf wahr redet, so hat er nicht einmal diese zehn<lb/>
                                Jahre mit Krieg zugebracht, sondern anstatt zu kriegen, hat<lb/> er
                                sich mit seinen edlern Freunden gefangner Mägde halber<lb/>
                                schimpflich gezankt. Er zog eher verliebter Lustbarkeiten als
                                des<lb/> Krieges wegen fern von seinem Vaterlande, seinem Hause
                                und<lb/> seiner Königin. Wie kannst Du nun einem so Ungetreuen
                                    <w>be<lb rend="bindestrich"/>leidigen</w>? Gedenke an Aulis, wie schimpflich Du in
                                diesem Hafen<lb/> verrathen wurdest, und was für eine schreckliche
                                Hochzeit Deiner<lb/> Tochter daselbst wartete! Bedenke, durch
                                welchen Preis er seine<lb/> grausamen Siege erkaufte! Siehe die
                                erstgeborne Blüthe Deiner<lb/> Jugend, Deine Iphigenia: ihre holden
                                Augen sind <w>niederge<lb rend="bindestrich"/>schlagen</w>, ihre Wangen mit Furcht
                                bedeckt, mit bloßer Brust stehet<lb/> sie da, ein hülfloses,
                                unschuldiges, unbeweintes Opfer, und wird<lb/> von dem mörderischen
                                Kalchas durchstochen! Ihr Vater, ihr <w>un-<pb n="528"
                                />beweglicher</w> Vater stehet dabei, damit ja Niemand seinem
                                    <w>Kinder<lb rend="bindestrich"/>morde</w> hindere! Siehe, sie vergießt reiche
                                Ströme Bluts, von<lb/> Dir überkommenen Bluts; sie fällt gleich
                                einer verwelkenden, zur<lb/> Unzeit abgerissenen Blume, einem
                                ungeduldigen Vater von einem<lb/> grausamen Geiste, der sich
                                betriegerisch für Dianen ausgab, günsti<lb rend="bindestrich"/> gen Wind erkaufen! Die
                                Winde erheben sich und füllen die<lb/> Segel. Er reist ab. Zufrieden
                                reist er ab und verläßt die <w>un<lb rend="bindestrich"/>glückliche</w> Mutter, die
                                ihr ermordet Kind beweinet! &#8212; &#8212; &#8212;
                                Wenn<lb/> noch ein Funken des vorigen Geistes in Klytämnestren
                                brennt, wenn<lb/> sie noch die Natur fühlt und dem Rechte noch lebt,
                                so werden ihr<lb/> dieses &#8212; &#8212; &#8212; dieses
                                werden ihr Beleidigungen sein, die um Rache<lb/> schrein. Und ich
                                weiß, ich weiß die kühnen Hände, die Dich &#8212; &#8212;
                                    <w>er<lb rend="bindestrich"/>staune</w> nicht! &#8212; &#8212; &#8212;
                                die Dich rächen zu können, stolz sein werden.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Wie? was für Hände? was für Rache?<lb/> Sprich! Falle nicht in einen
                                so wilden Ton! er erweckt neuen<lb/> Streit in meiner kämpfenden
                                Seele. Den gerechten Göttern, nicht<lb/> uns gehört die Rache. Nein,
                                nimmermehr kann ich, nimmermehr<lb/> will ich meine Einwilligung zu
                                &#8212; &#8212; Götter! wohin verliert sich<lb/> meine
                                Zunge! &#8212; Nein, das war Deine Meinung nicht &#8212;
                                &#8212;<lb/> das hast Du nicht sagen wollen &#8212;
                                &#8212; Ach, schone, Aegisthus,<lb/> schone den letzten Rest
                                meiner Tugend! Mache nicht, daß ich ihn<lb/> unwiederbringlich
                                verliere! Mache mich nicht zum Abscheu <w>mei<lb rend="bindestrich"/>ner</w> selbst!
                                &#8212; Wie elend sind sie, die ihre sterbende Tugend
                                fühlen<lb/> und sie nicht retten können! <stage type="business">(Man
                                    hört ein Freudengeschrei.)</stage> &#8212; &#8212;
                                Was<lb/> soll das Frohlocken des unsinnigen Volkes? Ach &#8212;
                                &#8212; dem <w>Her<lb rend="bindestrich"/>zen</w> ahnet &#8212; &#8212;
                                Hilf mir! &#8212; &#8212; Von Neuem! &#8212; &#8212;
                                Ach, wie<lb/> wenig müssen sie mich durch ihre Freude zu schrecken
                                glauben!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Es kömmt Jemand<note resp="lessing" type="footnote" n="*">
                                    <hi rend="font-family: antiqua">Some move this way</hi>. Mein
                                        <rs type="person" ref="#unbekannt">Vorgänger</rs> hat es
                                    übersetzt: <hi rend="spaced">Es nähert sich ein Theil des
                                    Volks</hi>. Weder die Sprache noch der Verstand erlauben die
                                    Auslegung. Die Annäherung des Hofbedienten ist es, die den
                                    Aegisthus vertreibet. &#8212; <rs type="person" ref="#less"
                                        >L.</rs></note> &#8212; &#8212; fasse Dich
                                wieder,<lb/> Klytämnestra!</p>
                        </sp>
                    </div>
                    <div type="szene" n="5">
                        <head type="auftritt">Fünfter Auftritt.</head>
                        <stage type="setting"><hi rend="font-weight: bold">Klytämnestra</hi>.<hi
                                rend="font-weight: bold">Ein Hofbedienter</hi>.</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Der Hofbediente</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Der König ist in der Nähe. Er kömmt<lb/> von Nauplia; allein die
                                freudige Menge des ihn umringenden<lb/> Volks verzögert seine
                                Ankunft. Eben itzt kam Talthybius und<lb/> brachte diese Nachricht.
                                Er bittet, vorgelassen zu werden.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Führe ihn herein!</p>
                        </sp>
                    </div>
                    <pb n="529"/>
                    <div type="szene" n="6">
                        <head type="auftritt">Sechster Auftritt.</head>
                        <stage type="setting"><hi rend="font-weight: bold">Klytämnestra</hi>
                            (allein).</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ach! Nur allzu wahres Zeichen! Ich muß<lb/> schon noch einen Schritt
                                im Laster fortgehen. Herunter, <w>unbieg<lb rend="bindestrich"/>sames</w> Herz, und
                                lerne Verstellung! ja, lerne lächeln, ob Dich schon<lb/> der Kummer
                                umringet hat; lerne Dich nur mit der <w>Niederträchtig<lb rend="bindestrich"/>keit</w>
                                verschwistern! Sieh, wie erfreut der Herold einhertritt!
                                    <w>Be<lb rend="bindestrich"/>trogner</w> Mann!</p>
                        </sp>
                    </div>
                    <div type="szene" n="7">
                        <head type="auftritt">Siebenter Auftritt.</head>
                        <stage type="setting"><hi rend="font-weight: bold">Klytämnestra</hi>. <hi
                                rend="font-weight: bold">Talthybius</hi> mit einigen griechischen
                            Soldaten, die ihn <w>be<lb rend="bindestrich"/>gleiten</w>.</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Willkommen, Talthybius! Willkommen, Ihr<lb/> tapferen Griechen! Wie
                                lebt der König?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Talthybius</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Der König, Gebieterin, lebet wohl. <w>Gesund<lb rend="bindestrich"/>heit</w>, Glück und
                                Ehre vereinigen sich, ihn zu krönen. Sein Herz<lb/> ist voller
                                Ungeduld, sich mit Deinem zu unterhalten. Er hat mich<lb/> mit
                                seinen brünstigsten Wünschen und seinen freudigsten
                                    <w>Freudens<lb rend="bindestrich"/>bezeigungen</w> vorausgesendet. <q>Sage,</q>
                                sprach er, <q>geh, sage <w>mei<lb rend="bindestrich"/>ner</w> Klytämnestra, daß die
                                    Vorstellung, sie zu umarmen, eine <w>an<lb rend="bindestrich"/>genehmre</w> in mir
                                    erwecket, als mir alle Eroberung gemacht<lb/> hat! Selbst die
                                    Liebe meines Volks sei mir zuwider, die mich sie<lb/> einen
                                    Augenblick später sehen läßt.</q> Diese Krone, die vordem
                                die<lb/> königliche Schläfe der Hekuba, der stolzen Königin des
                                Priamus,<lb/> umschloß, bittet er Dich anzunehmen.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Setze sie nur hin! Ich gestehe es, Talthybius,<lb/> weichliche
                                Thränen treten in meine weiblichen Augen, da ich an<lb/> die
                                plötzlichen Umstürzungen des Schicksals, an die traurigen
                                    <w>Ver<lb rend="bindestrich"/>änderungen</w> des Glücks gedenke. Oft, wenn blinde
                                Sterbliche auf<lb/> der Höhe ihres Wohlstandes am Sichersten zu sein
                                vermeinen, sind<lb/> sie am Rande des Verderbens. Aber, in der That,
                                Eure Reise<lb/> ist sehr geschwind gewesen. Noch nicht drei volle
                                Tage . . . Ist<lb/> die ganze Flotte zurückgekommen?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Talthybius</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Das einzige Schiff, das den König trug, <w>aus<lb rend="bindestrich"/>genommen</w>, die
                                übrigen alle sind weit verschlagen worden. Als<lb/> wir den
                                freudigen Winden unsere Segel übergaben und den<lb/> Meerbusen
                                verließen, wo sich Simois und Skamander mit dem<lb/> reißenden
                                Hellespont vermischen; als Troja oder vielmehr der<lb/> wirbelnd gen
                                Himmel steigende Rauch, der vormals Troja war,<pb n="530"/> und die
                                waldichte Spitze des Ida hinter dem aufwallenden Meer<lb/>
                                verschwand, war der Himmel noch heiter; mäßige Lüfte
                                    <w>beflügel<lb rend="bindestrich"/>ten</w> unsern Lauf, und die ganze Nacht
                                segelten wir unzertrennet<lb/> mit einander fort. Doch eben als der
                                Abend hereinbrach, wurden<lb/> die flatternden Winde nach und nach
                                stärker und bliesen vom <w>röth<lb rend="bindestrich"/>lichen</w> Nordost mit
                                schrecklicher Gewalt. Endlich brach das Wetter<lb/> heulend aus. Den
                                Morgen darauf erblickten wir nichts als See und<lb/> Himmel, beide
                                im zornigsten Streite. Unterdessen trieb unser<lb/> stärkres Schiff
                                vor dem Winde her, der nun weniger tobte und<lb/> uns eine
                                glückliche, geschwinde Reise verschaffte. Wir strichen<lb/> sicher
                                bei den cycladischen Inseln vorbei, die auf der unruhigen<lb/> Tiefe
                                unter dem Alles vermengenden Sturme zu schwimmen
                                <w>schien<lb rend="bindestrich"/>nen</w>. Einer einzigen näherten wir uns nicht ohne
                                Mühe und mit<lb/> vieler Gefahr.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Und warum?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Talthybius</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ein heiliges Erbarmen trieb uns dahin. Auf<lb/> einer schäumenden
                                Klippe stand eine armselige Figur und winkte.<lb/> Die fürchterlich
                                wilde, vom Hunger abgemattete Stimme ward<lb/> halb von murmelnden
                                Wellen verschlungen, und ihre Klage <w>er<lb rend="bindestrich"/>reichte</w> mit
                                genauer Noth unsre Ohren. Er rufte auf Griechisch<lb/> und beschwor
                                uns bei den Göttern, die für Unglückliche besondere<lb/> Sorge
                                tragen, ihn aus dieser wilden Einöde zu retten und wieder<lb/> in
                                die freudige Gesellschaft der Menschen zu versetzen.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Und wie? &#8212; &#8212; Schien er von Stande zu<lb/>
                            sein?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Talthybius</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Er schien es, ja, obgleich das hülflose, elende<lb/> Leben sein
                                Ansehn verdunkelte. Der König hat viel Achtung für<lb/> ihn
                                &#8212; &#8212; Doch verzeihe, Gebieterin, ich sehe, daß
                                dieses <w>jäm<lb rend="bindestrich"/>merliche</w> Bild Deine großmüthige Seele
                                beunruhiget.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ich danke Dir, wackerer Talthybius; das<lb/> Uebrige will ich von dem
                                Könige selbst hören. Nimm diesen Ring<lb/> für Deine Neuigkeiten,
                                auf welchen eine Siegesgöttin mit seltner<lb/> Kunst gegraben ist!
                                Ich bleibe in Deiner Schuld, Soldaten,<lb/> und auch in Eurer.</p>
                        </sp>
                        <trailer rend="spaced">Ende des ersten Aufzugs.</trailer>
                    </div>
                </div>
                <pb n="531"/>
                <div type="akt" n="2">
                    <head type="aufzug">Zweiter Aufzug.</head>
                    <div type="szene" n="1">
                        <head type="auftritt">Erster Auftritt.</head>
                        <stage type="setting"><hi rend="font-weight: bold">Klytämnestra</hi> und <hi
                                rend="font-weight: bold">ihre Wärterin</hi>.</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>So plötzlich ist er angekommen! Und ich<lb/> bin nicht halb
                                vorbereitet! Gewissen und Scham schlägt noch<lb/> meine Blicke
                                nieder; noch sind meine Augen zu zart, sich verstellen<lb/> zu
                                können.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Die Wärterin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Fasse Dich, Gebieterin! Wische diese <w>dun<lb rend="bindestrich"/>kelen</w> Thränen
                                ab, in welchen Deine unruhige Seele allzu <w>deut<lb rend="bindestrich"/>lich</w> zu
                                lesen ist! Eben itzt verkündet die Trompete die
                                <w>An<lb rend="bindestrich"/>näherung</w> des Königs.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Endlich ist sie gekommen, die richterische<lb/> Stunde! O, könnte
                                sich mein Herz verhärten! Könnte mein Gesicht<lb/> heucheln! Die
                                Trompete schallt aufs Neue &#8212; &#8212;</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Die Wärterin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ein Augenblick, Königin, ein Augenblick<lb/> kann Dich verrathen.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Und meine Scham verschlingen! &#8212; &#8212; Was<lb/> soll
                                ich thun? Wohin soll ich sehen? Was soll ich sagen?
                                    <w>Ver<lb rend="bindestrich"/>wirrung</w>! Marter!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Die Wärterin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Königin &#8212; &#8212;</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ja! Ich Niederträchtige! War kein Dolch,<lb/> der mich von diesem
                                zehnfachen Tode retten konnte?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Die Wärterin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Höre! Der laute Einzug nähert sich.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Wohl, laß mich zu Athem kommen &#8212; &#8212; <stage
                                    type="business">(Indem<lb/> sie sich von ihrer Verwirrung zu
                                    erholen sucht, sagt <hi rend="spaced">Agamemnon</hi> hinter<lb/>
                                    der Scene.)</stage></p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Verlaßt mich auf einen Augenblick, meine<lb/> Freunde!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Hörst Du seine Stimme? Ja, ja, er ist es.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Die Wärterin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Aber erinnere Dich &#8212; &#8212;</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Himmel!</p>
                        </sp>
                    </div>
                    <div type="szene" n="2">
                        <head type="auftritt">Zweiter Auftritt.</head>
                        <stage type="setting"><hi rend="font-weight: bold">Agamemnon</hi>.<hi
                                rend="font-weight: bold">Klytämnestra</hi>.</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Wo ist mein Leben, meine Liebe? Meine<lb/> Klytämnestra! O, laß Dich
                                an meine auf den Lippen flatternde<lb/> Seele drücken &#8212;
                                die eben auf dem Wege ist, sich mit Deiner zu<lb/> vermischen! O Du,
                                für die ich lebe, für die ich sorge, die Du<pb n="532"/> mir
                                reizender als die Ehre bist! o meine Klytämnestra! Itzt, in<lb/>
                                dieser zärtlichen Umarmung vergess' ich alle Beschwerden der
                                    <w>krie<lb rend="bindestrich"/>gerischen</w> Jahre. Dieser bezaubernde Augenblick
                                vertilget alle<lb/> Martern der Abwesenheit. Gütigste Götter! Nein,
                                nie war ein Herz<lb/> von Freuden so erfüllt &#8212; als meines
                                &#8212; &#8212; &#8212; <stage type="business">(Er
                                    bemerkt ihre <w>Un<lb rend="bindestrich"/>ruhe</w>.)</stage> Aber, Schönste, was
                                sollen diese Thränen? Das sind nicht<lb/> Thränen der glücklichen
                                Liebe, wie ich vergieße. &#8212; &#8212; Was will<lb/>
                                dieser finstre Blick, der mich seiner Anmuth nicht würdiget?<lb/>
                                Warum empfangen wir uns so kalt? Warum willst Du mein<lb/> Feuer so
                                unffreundlich ersticken? O rede, meine Klytämnestra!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Vergieb mir, Agamemnon! Ich kann Dein<lb/> Gesicht, ach, ich kann es
                                nicht wiedersehen, ohne zurückzudenken,<lb/> wie ich es das letzte
                                Mal gesehen habe. Aulis stellt sich von Neuem<lb/> meinen Augen dar.
                                Ich sehe die Schiffe, ihre Führer, die Wache,<lb/> den blutigen
                                Kalchas, das ganze schreckliche Gepränge des Opfers!<lb/> Ich sehe
                                meine schimpflich verrathene Tochter, ich sehe sie von<lb/> Neuem
                                bluten! Ich sehe die schreckliche Stirne &#8212; worauf ihr<lb/>
                                Urtheil geschrieben war, und Agamemnon darf sich über meine<lb/>
                                Thränen wundern?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Warum will meine Klytämnestra neue Stacheln<lb/> in mein Herz
                                drücken, da die alten noch zu tief stecken? Ach,<lb/> warum rechnest
                                Du des Schicksals Härte mir zu? Nicht die <w>weich<lb rend="bindestrich"/>liche</w>
                                Neigung gegen das, was uns angehöret, nicht die
                                <w>Eigen<lb rend="bindestrich"/>liebe</w> ist es, welche die Welt erhält und ihre
                                Regierer beliebt macht:<lb/> nein, dieses sind nicht die Quellen der
                                Ehre und unsterblicher<lb/> Thaten. Wer würdig zu herrschen denket,
                                in dem muß das <w>all<lb rend="bindestrich"/>gemeine</w> Beste, das Beste Anderer die
                                angenehmsten Triebe der<lb/> Natur unterdrücken; und wer am Besten
                                herrschet, über den herrscht<lb/> die Ehre am Meisten. Schickte es
                                sich für mich &#8212; &#8212; &#8212; laß<lb/> Deine
                                eigne Neigung urtheilen &#8212; &#8212; schickte es sich für
                                den <w>Aga<lb rend="bindestrich"/>memnon</w>, als er einmüthig zum Führer der Griechen
                                erwählt<lb/> wurde, als zwanzig Könige sich zu meiner Fahne hielten,
                                als das<lb/> ganze um mich versammelte Griechenland, durch den Raub
                                Deiner<lb/> Schwester erhitzet, sich an seinem alten Erbfeinde, dem
                                treulosen<lb/> Asien, zu rächen verlangte, schickte es sich damals
                                für mich, das<lb/> Feuer der Ehre zu ersticken? Konnte ich ein Leben
                                Tausenden<lb/> versagen, diesen großmüthigen Tausenden, die alle für
                                meine Ehre,<lb/> für die Ehre des Bluts meiner Klytämnestra zu
                                sterben bereit<lb/> waren? Wäre ich gegen die vereinte Stimme der
                                Ehre, der<lb/> Pflicht, der allgemeinen Wohlfahrt, der gebietenden
                                Götter taub<lb/> gewesen; wäre in dem schwachen Vater der Grieche,
                                der Patriot,<pb n="533"/> der König, und was noch mehr als der König
                                ist, der Anführer<lb/> der Griechen schimpflich verschwunden, so
                                hättest Du mich selbst &#8212; &#8212;<lb/> laß Dein Herz
                                die Wahrheit gestehen &#8212;, meine Klytämnestra selbst<lb/>
                                hätte mich verachten müssen. Und glaubst Du, daß mir mein<lb/>
                                Entschluß leicht ward? Ach, Klytämnestra! hättest Du gesehen,<lb/>
                                was in mir, in meiner gefolterten Brust vorging! Alle meine<lb/>
                                Schlachten sind dagegen ein Spiel. Nein, die zärtlichste
                                Mutter,<lb/> die über ihrem mit dem Tode ringenden Kinde in Thränen
                                    <w>zer<lb rend="bindestrich"/>fließt</w>, fühlt das nicht, was ich erlitt!
                                &#8212; &#8212; Erinnre Dich &#8212; &#8212;<lb/>
                                noch itzt zerschmelzt die Vorstellung den Vater in Thränen
                                &#8212; &#8212;<lb/> erinnre Dich, wie ich mein Gesichte
                                verhüllte, weil ich mich<lb/> schämte, den um mich stehenden
                                Griechen Thränen sehen zu lassen,<lb/> die sich für die Wangen ihres
                                Anführers nicht schickten. Höre<lb/> auf, das zu schelten, was
                                Mitleiden, ja, ich möchte sagen, Ruhm<lb/> verdienet! Wer ein zärter
                                Vaterherz hat als ich, der hat ein<lb/> allzu zartes. Ich liebe
                                meine Kinder, wie sie ein Vater lieben<lb/> soll, und liebe sie noch
                                aus einem anderen, angenehmern Grunde:<lb/> weil ich meine
                                Klytämnestra liebe.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ach, hätte mich Agamemnon geliebt, würde<lb/> er mich in der rasenden
                                Betrübniß, da meine blutende Tochter<lb/> vor meinen (?Augen)<note
                                    resp="editor" type="footnote" n="1"><q>Augen</q> fehlt im
                                    Original. &#8212; A. d. H.</note> lag, wohl verlassen haben?
                                Würde er mich<lb/> so lange verlassen haben? Die überlegende Liebe
                                hätte gewiß in<lb/> dem weiten Raume von zehn Jahren ein Mittel,
                                mich zu sehen<lb/> und mich zu trösten, gefunden. Warum wurde ich so
                                vergessen,<lb/> Agamemnon?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Laß mich diese Thränen aufküssen &#8212; o <w>rei<lb rend="bindestrich"/>zende</w>
                                Thränen! wenn Euch die zweifelnde Liebe, wenn Euch die<lb/>
                                Abwesenheit fließen läßt! Anstatt dieser Vorwürfe frage mich<lb/>
                                lieber, wie ich diese Abwesenheit ertragen habe! Hier sind alle<lb/>
                                Worte, alle Beredsamkeit ist hier stumm, den Kummer
                                    <w>auszu<lb rend="bindestrich"/>drücken</w>, der sich über die wilden Stürme des
                                Krieges erstreckte.<lb/> Wenn der schimmernde Tag verschwand und das
                                Lager schwieg,<lb/> ach, alsdann nagte unter tausend andern Sorgen
                                diese mein<lb/> Herz am Schmerzlichsten, die mich an Dich erinnerte,
                                an meine<lb/> lang verlassene Klytämnestra, an die wilden Seen und
                                Berge, die<lb/> uns trennten.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Unglücklicher Mann!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Was sagt meine Klytämnestra?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Unglückliche Sterbliche, die ein eitles<pb n="534"/> Wort betriegt,
                                die sich zu Sclaven ihres eigenen Stolzes, zu<lb/> Sclaven der
                                freudenlosen Ehre machen!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Nur Der hat einen Anspruch auf die <w>Glück<lb rend="bindestrich"/>seligkeit</w>, der
                                den rauhen Weg der Ehre gegangen ist.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Aber was nutzt der Anspruch auf eine <w>ver<lb rend="bindestrich"/>schwundene</w>
                                Glückseligkeit?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ich beschwöre Dich nochmals, Klytämnestra,<lb/> bei Allem, was den
                                zärtlichen Namen der Liebe trägt, beschwöre<lb/> ich Dich, übergieb
                                unsern vergangnen &#8212; &#8212; wie gerne wollte ich<lb/>
                                ihn keinen Zank nennen &#8212; &#8212; übergieb ihn der
                                liebreichen <w>Ver<lb rend="bindestrich"/>gessenheit</w>! Ach, es war, es war eine
                                Zeit &#8212; &#8212; &#8212; wie süß ist<lb/> es, diesen
                                Gedanken nachzuhängen! &#8212; &#8212; da unsre Seelen
                                in<lb/> einer immerwährenden Entzückung zerflossen, da im
                                Frühling<lb/> unsres Lebens der Frühling der Liebe sanft um uns
                                wehte, da<lb/> Himmel und Erde und die ganze lächelnde Natur uns mit
                                    <w>Freu<lb rend="bindestrich"/>den</w> erblickte. Und noch, wenn mir nur
                                Klytämnestra hülfliche<lb/> Hand reichet, kenn' ich eine
                                Leidenschaft von weit eindringenderer<lb/> Entzückung, als
                                nimmermehr die unruhige Jugend fühlt: dieses<lb/> ist die durch
                                lange Erfahrung zur Freundschaft reif gewordene<lb/> Liebe. Wie weit
                                ist das verdrießliche Kind der Einbildung davon<lb/> entfernt! Es
                                ergetzet sich einige Augenblicke an der Schönheit;<lb/> schnell wird
                                es ihrer überdrüssig und sucht ein andres <w>Spiel<lb rend="bindestrich"/>werk</w>.
                                Wie viel edler ist die Frucht der unveränderlichen Vernunft,<lb/>
                                die mit den Jahren angenehmer wird und immer ihren Reiz
                                    <w>be<lb rend="bindestrich"/>hält</w>! &#8212; &#8212; Nur selten,
                                Klytämnestra, lass' ich mich zu <w>wiederhol<lb rend="bindestrich"/>ten</w> Bitten
                                herab &#8212; &#8212; Vernichte doch nicht meine
                                    <w>zusammenge<lb rend="bindestrich"/>sammelte</w> Hoffnung der Liebe und des
                                Lebens! &#8212; Mache mir<lb/> meine Eroberungen nicht verhaßt!
                                Ich muß sie verabscheuen,<lb/> wenn sie mir Dich, wenn sie mir Deine
                                kosten. Eine <w>Toch<lb rend="bindestrich"/>ter</w>, eine zehnjährige Abwesenheit von
                                Klytämnestra war schon zu<lb/> viel. Setze keinen neuen Verlust
                                hinzu! Dich zu verlieren, ist<lb/> mir unerträglich, Dich, Du
                                Geliebteste, vormals die Holdeste<lb/> Deines Geschlechts!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ach!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Wende Dich nicht weg! Schon sehe ich sie<lb/> in Deinen Blicken, die
                                mitleidige Güte!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Klytämnestra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ach, zur Unzeit zärtlicher Agamemnon!<lb/> allzu großmüthiger
                                Agamemnon! Du ängstigst mich! Wärst<lb/> Du doch itzt minder
                                freundlich, minder zärtlich! Oder wärst Du<lb/> vielmehr niemals so
                                grausam gewesen!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Welche Ungerechtigkeit, mich grausam zu<pb n="535"/> nennen! Das
                                Schicksal, das Glück, die Götter waren für uns<lb/> Beide grausam.
                                &#8212; &#8212; Wie konnte ich Dir unsre getheilten
                                    <w>Schmer<lb rend="bindestrich"/>zen</w> mehr lindern, wie konnte ich Dir meine
                                Abwesenheit mehr <w>er<lb rend="bindestrich"/>leichtern</w>? Ich ließ Dir Melisandern
                                zum Rathgeber, den <w>wei<lb rend="bindestrich"/>sesten</w>, den getreuesten, den
                                besten &#8212; &#8212; &#8212; Ach, sanft redende<lb/>
                                Natur! &#8212; &#8212; Sind das nicht meine Kinder?
                                &#8212;</p>
                        </sp>
                    </div>
                    <div type="szene" n="3">
                        <head type="auftritt">Dritter Auftritt.</head>
                        <stage type="setting"><hi rend="font-weight: bold">Agamemnon</hi>. <hi
                                rend="font-weight: bold">Klytämnestra</hi>. <hi
                                rend="font-weight: bold">Elektra</hi>. <hi rend="font-weight: bold"
                                >Orestes</hi>.</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Meine Tochter! meine Elektra!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Elektra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>O mein Vater!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Komm in meine Arme, mein Kind, mein<lb/> theurer Orestes! Du, in dem
                                ich neu lebe, Du mein verjüngtes<lb/> Selbst! Und Du, Elektra, in
                                Deinen offnen Wangen erkenne ich<lb/> die Blüthe Deiner Mutter. So
                                sah sie aus; so waren die sanften<lb/> Blicke ihrer hervorbrechenden
                                Schönheit. O Du angenehmstes<lb/> Bild meiner Klytämnestra! meine
                                andre Iphigenia!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Elektra</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>O mein Vater! meine Freude! mein Stolz!<lb/> mein Ruhm! den ich oft
                                im Traume, als käme er von Troja<lb/> zurück, gesehn habe! Doch
                                immer löschte der unwillkommne<lb/> Morgen die werthen Täuschereien
                                der Nacht mit Thränen aus.<lb/> &#8212; &#8212; Ist es also
                                kein unglaubliches Gesichte mehr? Nein, er<lb/> ist's; es ist mein
                                Vater, dessen Abreise von hier wie des Todes<lb/> der Iphigenia ich
                                mich noch wohl erinnere. Wie glorreich war<lb/> Dein Tod, Iphigenia!
                                ein Tod, den ich mehr beneide als<lb/> beklage. Wer wollte nicht
                                sterben, einen unsterblichen Ruhm zu<lb/> gewinnen, Griechenland zu
                                befreien und die Ehre eines Vaters<lb/> zu vermehren!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Umarme mich nochmals, großmüthige<lb/> Tochter! Auch Du, mein Sohn!
                                O, hätte es Dir Dein zartes<lb/> Alter erlaubt, an unsern Thaten vor
                                Troja Theil zu nehmen!<lb/> Der Krieg ist es, was einen Fürsten
                                bildet. Schweiß, <w>Ermat<lb rend="bindestrich"/>tungen</w>, schlaflose Nächte und
                                nimmer ruhige Tage, Sorge, <w>Ge<lb rend="bindestrich"/>fahr</w>, verschmähter Tod,
                                ein Allen gleiches Schicksal, <w>veränder<lb rend="bindestrich"/>liches</w> Glück: die
                                sind es, welche den Geist zur Ehre erheben, diese<lb/> sind es,
                                welche die edelsten Tugenden, die sanftmüthigsten
                                    <w>Betra<lb rend="bindestrich"/>gungen</w> einprägen. Wo werde ich, Orestes, wo
                                werde ich, Dir<lb/> dies Alles zu lehren, ein neues Troja zu
                            finden?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Orestes</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>O, wie glücklich wäre ich gewesen, wann ich es<lb/> hätte sehen
                                können, was ich itzt nur hören muß! Doch oft will<pb n="536"/> ich
                                es hören, täglich will ich die Geschichte lernen und Deinem<lb/>
                                Exempel nachdenken. Ich will mich bestreben, Deine Tugenden<lb/> mit
                                Deinem Blute zu verbinden, die geerbten Lorbeeren nicht zu<lb/>
                                entehren. In meiner Brust erhebt sich, ich weiß nicht was
                                &#8212; &#8212;<lb/> Verzeihe, Herr, ich bin zu jung, es Dir
                                zu sagen &#8212; &#8212; doch hier<lb/> fühle ich was, was
                                mich hoffen läßt, daß ich meinen Vater nicht<lb/> beschämen
                            werde.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Sohn meiner Seele! Siehe her, meine <w>Kly<lb rend="bindestrich"/>tämnestra</w>, siehe
                                her und weine mit mir Thränen der Zärtlichkeit<lb/> und der
                                Entzückung! Was sind alle geschmacklose Wollüste gegen<lb/> diese
                                eines Freundes, welche eine heilige Liebe schenkt! O Natur,<lb/> o
                                väterliche Natur, Du, Du bist allein der untriegliche Richter<lb/>
                                dessen, was uns glückselig macht.</p>
                        </sp>
                        <stage type="entrance"><!-- rend="font-size: small" -->(Ein <hi
                                rend="spaced">Hofbedienter</hi> kömmt.)</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Der Hofbediente</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Aegisthus, Herr, erwartet Dich.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ach, laß ihn hereinkommen! Entferne Dich,<lb/> Klytämnestra,
                                entfernet Euch, werthe Kinder! bald werden wir<lb/> wieder beisammen
                                sein; unterdessen lebt wohl!</p>
                        </sp>
                    </div>
                    <div type="szene" n="4">
                        <head type="auftritt">Vierter Auftritt.</head>
                        <stage type="setting"><hi rend="font-weight: bold">Agamemnon</hi>.</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Gehorcht mir, Mienen, auf einen einzigen <w>ver<lb rend="bindestrich"/>stellten</w>
                                Augenblick! Ich will Euch nicht lange martern! Hier<lb/> am Hofe muß
                                man das ehrliche Gesicht des Kriegers ablegen.<lb/> Wie wenig glaubt
                                er, daß ich ihn durch Melisandern in der Falle<lb/> habe, den ich
                                auf meiner Rückfahrt von dem wüsten Eilande zu<lb/> retten das Glück
                                hatte, wohin ihn der Verdammte &#8212; &#8212;</p>
                        </sp>
                    </div>
                    <div type="szene" n="5">
                        <head type="auftritt">Fünfter Auftritt.</head>
                        <stage type="setting"><hi rend="font-weight: bold">Agamemnon</hi>. <hi
                                rend="font-weight: bold">Aegisthus</hi>.</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Heil dem Agamemnon und Glückseligkeit, die<lb/> seinem Ruhme gemäß
                                ist!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ich grüß' Euch, Vetter!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Vergieb mir, Herr! Du hast uns mit dieser<lb/> schleunigen Rückkunft
                                überrascht. Denn nach dem Zeichen, dessen<lb/> herrliche Flamme ganz
                                Griechenland erfreute, konnten wir Deine<lb/> Gegenwart die ersten
                                drei Tage darauf nicht hoffen. Verzeih also,<lb/> daß wir Dich
                                unbereitet, einzig mit der Freude, mit der Entzückung<lb/> und dem
                                Erstaunen, welches sich jeder griechischen Brust bemeistert<pb
                                    n="537"/> hat, empfangen! Und wahrhaftig, so einen Ausbruch der
                                Freude,<lb/> als dieser vollkommene Triumph verursacht hat, habe ich
                                noch<lb/> nie gesehen. Stadt und Land und Alles drängte sich in
                                einem<lb/> lauten triumphirenden Ungewitter durch einander.
                                Kaum<lb/> konnte ich mich durchpressen. Der Schall der Trompete
                                verlor<lb/> sich in dem unzähligmal wiederholten Jauchzen, das
                                Deinen<lb/> Namen in Himmel erhob. Viel Tausend Augen stehen
                                unten<lb/> und glühen, den Ueberwinder von Troja zu sehen.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Der edelste Ruhm, der mein Herz beglücken<lb/> kann, die angenehmste
                                Musik ist mir die Freude meines Volks.<lb/> Aber, wahrhaftig, Deine
                                Zunge kann ihr vortreffliche <w>Gerechtig<lb rend="bindestrich"/>keit</w> widerfahren
                                lassen. Glaube mir, Du kannst Deine <w>Be<lb rend="bindestrich"/>schreibungen</w> sehr
                                artig ausmalen. Ich habe eine so <w>verbind<lb rend="bindestrich"/>liche</w> Sprache
                                in langen Zeiten nicht gehört.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegithus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Mißdeute meinen Eifer nicht! Dem vollen Herze<lb/> steht stets der
                                dienstfertige Ausdruck bereit. Ich empfinde, <w>Aga<lb rend="bindestrich"/>memnon</w>,
                                Deinen Ruhm so tief, daß sich mit meiner Freude eine<lb/> Art von
                                Leidenschaft vermengt, die fast dem Neide ähnelt. O Ihr<lb/> Götter!
                                Hat, weil ich lebe, ein Krieg, der allerberühmteste Krieg,<lb/> den
                                je ein Alter gesehen hat oder noch sehen kann; hat ein Krieg,<lb/>
                                dessen nimmer sterbender Ruhm die Welt überfliegen und die
                                    <w>ent<lb rend="bindestrich"/>ferntesten</w> Zeiten erreichen wird: hat so ein
                                Krieg meine Tage<lb/> geziert, und ich habe keinen Antheil an seiner
                                Ehre gehabt? <w>Ent<lb rend="bindestrich"/>kräftet</w>, unbekannt habe ich im ruflosen
                                Frieden mein Leben <w>ver<lb rend="bindestrich"/>loren</w>.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Diese Hitze ist Mode! Doch wisse, Aegisthus,<lb/> ein freies Volk im
                                Frieden ohne Anmaßung, aber auch ohne <w>Auf<lb rend="bindestrich"/>gebung</w> der
                                Gewalt wohl beherrschen; die Ehre der Gesetze
                                <w>un<lb rend="bindestrich"/>verletzlich</w> erhalten, dann und wann aber ihr Urtheil,
                                wann es<lb/> strenger ist, als es der Glimpf erfordert, lindern; das
                                Steuer des<lb/> Staats unter den parteiischen Stürmen oder während
                                der<lb/> noch gefährlicheren Stille des durch die lange Dauer
                                    <w>verderb<lb rend="bindestrich"/>lichen</w> Friedens klug regieren; und was noch
                                mehr ist, die Bahn<lb/> rennen, welche das Glück zu dem süßen Ruhme
                                der beschützten<lb/> Künste, der Gnade, des Wohlthuns, von welchem
                                die Götter<lb/> selbst ihren prächtigsten Glanz borgen, eröffnet:
                                wahrlich, Aegisthus,<lb/> dieses kömmt, der wahren Ehre nach, den
                                täuschenden <w>Eroberun<lb rend="bindestrich"/>gen</w> gleich, wo es sie nicht
                                übertrifft, und erfordert nicht weniger<lb/> Beherrschung, Muth,
                                Sorge und anhaltende Arbeit.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Sage danklose, rauhe, unangenehme Arbeit,<lb/> welche anstatt des
                                Preises und schuldiger Belohnung öftrer <w>Ver-<pb n="538"
                                />spottung</w>, Vorwürfe, halsstarrige Widersetzungen gegen die
                                    <w>lau<lb rend="bindestrich"/>tersten</w> Maßregeln, Ungerechtigkeit, Verbannung,
                                ja wohl den<lb/> Tod findet! Und so will es die Natur des
                                übelgesinnten<lb/> Menschen. Ganz anders aber ist die Belohnung des
                                Siegers:<lb/> ihn loben Alle, ihn bewundern Alle.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Gut, ob es schon eine mühsame <w>Beschäfti<lb rend="bindestrich"/>gung</w>, eine
                                undankbare Arbeit ist, zu regieren, so wag' ich es doch<lb/> nicht,
                                Aegisthus, so hart von dem menschlichen Geschlechte zu
                                    <w>ur<lb rend="bindestrich"/>theilen</w>. Wahrheit, Weisheit, Muth, Gerechtigkeit,
                                Wohlthun,<lb/> ein durch wohl überlegte Unternehmungen wirksames
                                    <w>ununter<lb rend="bindestrich"/>brochenes</w> Bestreben nach dem gemeinen
                                Besten: diese müssen auch<lb/> in den verderbtesten Zeiten angesehn,
                                beliebt und werth sein,<lb/> weil doch zuletzt Verdienst erweckt und
                                Tugend <w>an<lb rend="bindestrich"/>zündet</w>. Unterdessen hat ja wohl er, den ich
                                Klytämnestren zum<lb/> Rathgeber ließ, Melisander, Dir Deine Arbeit
                                um die Hälfte<lb/> erleichtert.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Wollte der Himmel, er hätte es gethan!</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Du bestürzest mich &#8212; &#8212; &#8212; Ist
                                Melisander<lb/> nicht weise, gerecht und treu?</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ja, Herr, ich gesteh' es, er trug eine sehr schöne<lb/> Larve.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Agamemnon</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Sachte, Aegisthus! Ich kenne seine <w>unbe<lb rend="bindestrich"/>wegliche</w> Tugend
                                und werde nicht die geringste Erwähnung von<lb/> etwas vertragen,
                                was einen Mann, den ich liebe, beschimpft.</p>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Aegisthus</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <p>Ich muß also, von der Wahrheit gedrungen,<lb/> meine Vertheidigung
                                selbst übernehmen. Kühnlich will ich <w>be<lb rend="bindestrich"/>haupten</w>,
                                Agamemnon, daß er geschickter ist, einen Staat zu
                                    <w>be<lb rend="bindestrich"/>unruhigen</w> und zu verwirren, als ihn zu
                            regieren.</p>
                        </sp>
                    </div>
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>

