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            <titleStmt>
                <title>Der "Hannibal" des Marivaux von G.E. Lessing übersetzt</title>
                <author>Christian Werner</author>
                <author>Marcus Baumgarten</author>
                <sponsor>Deutsche Forschungsgemeinschaft</sponsor>
                <principal> Herzog August Bibliothek </principal>
                <respStmt>
                    <resp>Projektleitung</resp>
                    <name>Dr. Helmut Berthold</name>
                </respStmt>
            </titleStmt>
            <editionStmt>
                <edition>Digitale Edition der Übersetzungen Lessings</edition>
            </editionStmt>
            <publicationStmt>
                <authority>Lessing Akademie</authority>
                <address><street>Schloßplatz 2</street><lb/><settlement>38304
                    Wolfenbüttel</settlement></address>
                <date>2008</date>
            </publicationStmt>
            <sourceDesc>
                <biblStruct>
                    <analytic xml:lang="de">
                        <author>Lessing, Gotthold Ephraim</author>
                        <title level="a">Hannibal</title>
                    </analytic>
                    <monogr>
                        <title level="m">Lessing's Werke</title>
                        <author>Lessing, Gotthold Ephraim</author>
                        <imprint>
                            <biblScope type="vol">Elfter Theil.</biblScope>
                            <biblScope type="part">Kleinere Schriften zur dramatischen Poesie und
                                zur Fabel.</biblScope>
                            <biblScope type="issue">Zweite Abtheilung.</biblScope>
                            <biblScope type="pp">347 - 357</biblScope>
                            <publisher>Boxberger, Robert (anonym); Hempel, Gustav</publisher>
                            <pubPlace>Berlin</pubPlace>
                            <date>1876</date>
                        </imprint>
                    </monogr>
                    <series xml:lang="de">
                        <title level="s">Lessing's Werke</title>
                        <editor>Gustav Hempel</editor>
                    </series>
                </biblStruct>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
    </teiHeader>
    <!-- Zu klären:
        4. Kommentare mit den langen Strichen checken! Diese scheinen, folgt man LM (240), fehlende Verse
    in der Übersetzung zu kennzeichnen. Was auch wieder etwas komisch ist an einigen Stellen, da die metrisch unfertigen
    Verse selbst nach einer Trennung durch diese Querstriche metrisch fortgesetzt werden. Die Querstriche sind nun Geviertstriche.
    Vielleicht gibt das Original da Aufschluß.
   8. Eine weitere Schwierigkeit mit den Querstrichen: Einige sind bei LM auch als Querstriche wiedergegeben, andere
    mit einer Fußnote und dem Verweis fehlende Verse. Gibt es eine Fußnote, verweise ich hier zumindest auf die Seite-->
    <text>
        <body>
            <pb n="347"/>
            <head type="maintitle">Hannibal.</head>
            <head type="subtitle">Nach <rs type="person" ref="#mariv">Marivaux</rs>.</head>
            <note type="annotation" resp="editor">
                <p>K. Lessing erzählt in dem Leben seines Bruders (I. S. 62f.): <q>Um den Winter
                        über das Schauspiel frei besuchen zu dürfen, forderte er [Lessing] seinen
                        Freund Herrn Weiße auf, mit ihm das einzige Trauerspiel von Marivaux,
                            <q>Hannibal</q> betitelt, zu übersetzen. Jeder übernahm die Hälfte, und
                        sie übersetzten es in gereimte Alexandriner, wie es dazumal die Theatermode
                        wollte, als ein Trauerspiel so wenig ohne dergleichen Verse als ohne eine
                        große rothe oder grüne Decke und Fischbeinröcke sein durfte. . . . . Es
                        wurde auch aufgeführt; ob sie aber ihren Zweck erreichten, weiß ich nicht.
                        Vermuthlich wohl, denn Lessing ergab sich immer mehr und mehr dem
                    Theater.</q> So hatte es Weiße selbst Lessing's Bruder erzählt. In der Vorrede
                    zum 2. Bande des <q>Theatralischen Nachlasses</q> S. XXVIIf. hatte er es noch
                    für ein eignes Stück seines Bruders gehalten. Er sagt hier: <q>Sein allererster
                        [tragischer Versuch] scheint mir wohl das Trauerspiel <hi rend="spaced"
                            >Hannibal</hi> zu sein, wovon ich den ersten, zweiten und vierten Aufzug
                        von ihm fast ganz ausgearbeitet gefunden habe. Es ist in gereimten Versen,
                        aber sehr wenig besser als die Reime, womit Sturm, Koppe, Grimm und
                        Gottsched die französischen Trauerspiele auf den deutschen Bühnen damals
                        geltend machten. Nicht ein Funken Genie, und Geschmack noch weniger!</q> Er
                    hielt es deshalb auch nicht der Mühe werth, das Fragment zu veröffentlichen, und
                    die kritischen Herausgeber sind ihm darin gefolgt. Es erscheint also in unserer
                    Ausgabe <hi rend="spaced">zum ersten Male</hi> nach dem Original unter den
                    Breslauer Papieren.</p>
                <p>Ueber Marivaux vergleiche man unsere Lessing-Ausgabe, Th. VII. S. 534ff.</p>
                <p>Unter den Breslauer Papieren befindet sich ein Bogen mit dem bloßen Titel:
                        <q>Hannibal, ein Trauerspiel</q>.</p>
            </note>
            <pb n="348"/>
            <div type="drama" met="- +| - +| - +| - +| - +| - +| (-)/" rhyme="aabb">
                <head type="maintitle">[Hannibal.]</head>
                <note type="footnote" resp="werner">Die in eckige Klammern gesetzten Titel wurden
                    von Boxberger/Hempel ergänzt. Vgl. Hempel 11.2: S. 332.</note>
                <div type="akt" n="1">
                    <head type="chapter">Erster Aufzug.</head>
                    <div type="szene" n="1">
                        <head type="section">Erster Auftritt.</head>
                        <stage type="setting">Laodicea. Egina.</stage>
                        <note type="footnote" resp="editor" n="1">In eckige Klammern haben wir die
                            von <hi rend="spaced">Lessing</hi> in seiner Handschrift durchstrichenen
                            Worte eingeschlossen; für die Ueberschriften gilt dies jedoch nicht
                            (vgl. oben S. 332). - A. d. H.</note>
                        <sp>
                            <speaker>Egina</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Und länger kann ich nicht von meinem Kummer <lb/>
                                schweigen,</l>
                            <l>Ich seh' die Thränenfluth aus Deinen Augen steigen.</l>
                            <l>Sprich, welch ein wicht'ger Fall, Prinzessin, quält Dich heut,</l>
                            <l>Beklemmt Dein banges Herz, gebiert Dir Traurigkeit?</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Laodicea</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Egina, kennst Du Den, den Rom zu uns geschicket?</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Egina</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent" part="I">Flaminius?</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Laodicea</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l part="F">Warum hab' ich ihn doch erblicket?</l>
                            <l>Ohn' ihn nähm' Hannibal itzt ruhig meine Hand.</l>
                            <l>O Rom! Rom! Deine Wahl bringt mir den Marterstand.</l>
                            <l>Geliebte, höre mich! Ich will, Dein Herz zu rühren,</l>
                            <l>Dich zum geheimen Quell von meinen Thränen führen.</l>
                            <l>Drei Jahre sind vorbei, seit eben der Flamin</l>
                            <l>Als Abgesandter hier beim Prusias erschien.</l>
                            <l>Dies war der erste Held, den ich aus Rom gesehen.</l>
                            <l>Ich glaubte, Königen, die nächst den <term target="#gott"
                                >Göttern</term> stehen,</l>
                            <l>Weicht jeder Sterbliche, dem Kron' und Reich gebricht;</l>
                            <l>Doch da seh' ich beschämt: ein Römer weicht ihm nicht.</l>
                            <l>Ich sah, mein Vater selbst in seiner Königszierde</l>
                            <l>Verehrt' den Römer selbst und theilte seine Würde.</l>
                            <l>Und dieser Römer, ja, die Wahrheit sag' ich Dir,</l>
                            <l>Kam mir doch nicht erstaunt und nicht geschmeichelt für.</l>
                            <l>Bei dieser Achtung nun und höflichem Bezeigen</l>
                            <l>Fühlt' ich gerechten Stolz in meine Seele steigen.</l>
                            <l>Und daß mein Vater selbst, dies schien mir allzu hart,</l>
                            <l>An seinem eignen Hof des Römers Höfling ward;</l>
                            <l>Daß er, von Recht entblößt, den Muth verlieren sollte</l>
                            <l>Und nicht vor dem Flamin den Thron besteigen wollte.</l>
                            <l>Erröthend warf ich dann bei meiner Großmuth Ruh'</l>
                            <l>Nur Blicke voll Verschmähn dem finstern Römer zu.</l>
                            <pb n="349"/>
                            <l>Jedoch das <term target="#schi">Schicksal</term> &#8212;
                                &#8212; ja, sein ungerechtes Fügen,</l>
                            <l>Will, daß sich Jedes Stolz soll für den röm'schen schmiegen!</l>
                            <l>Mein Blick, verachtungsvoll, fand irrend seinen Blick,</l>
                            <l>Und der schlug ohne Müh' den [seinigen] meinigen zurück.</l>
                            <l>Bis in des Herzens Grund fühlt' ich die Regung gehen;</l>
                            <l>[Ihn fliehen konnt' ich nicht, schw.] <lb/> Schwach war ich, ihn zu
                                fliehn, und schwach, ihn zu ersehen.</l>
                            <l>Ich zürnte nicht, als sich der schwache Zorn verlor,</l>
                            <l>Und meine Schwachheit selbst kam mir noch reizend vor.</l>
                            <l>Sein Stolz, der mich erzürnt, ward nun nicht mehr ermessen.</l>
                            <l>Mein Vater und sein Ruhm und Alles ward vergessen;</l>
                            <l>Ja, ich vergaß mich selbst; mein Thun, es zu gestehn,</l>
                            <l>War, den Flamin zu sehn, und ihn doch nicht zu sehn.</l>
                            <l>Und dies Bekenntniß nun, das ich erröthend thue,</l>
                            <l>Zeigt mein Geheimniß Dir, den Räuber meiner Ruhe.</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Egina</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Dies stolze Römerherz, das Euer Herz entführt,</l>
                            <l>Ward zweifelsfrei von Euch doch wiederum gerührt.</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Laodicea</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Ich weiß bis itzt noch nicht, ob ich ihn überwunden,</l>
                            <l>Doch forscht' ich, ob er nicht empfand, was ich empfunden,</l>
                            <l>Und ob sein Auge nicht mit mir von Liebe sprach.</l>
                            <l>Ich wünscht' es. Durch den Wunsch ward ich zum Forschen schwach.</l>
                            <l>[Ich glaubt' es.] Doch glaubt' ich's unterdeß. Und ist es zu <lb/>
                                vergönnen,</l>
                            <l>Daß wir uns auf den Schein in etwas stützen können,</l>
                            <l>So schien es, Freundin, mir, so lang er um uns war,</l>
                            <l>Sein Schweigen mache selbst sein Lieben offenbar.</l>
                            <l>Aus tausend <term target="#zeic">Zeichen</term> konnt' ich eben das
                                [erkenn] ersehen,</l>
                            <l>Die, sagt' ich Dir sie auch, Du doch nicht kannst verstehen,</l>
                            <l>Und die, der Liebe Trug ist vielleicht Schuld daran,</l>
                            <l>Ich selber wohl [versteh] empfind', doch nicht erklären kann.</l>
                            <l>Flaminius ging fort, und wie ich leicht kann schließen,</l>
                            <l>Mocht' er selbst meine Scham und seinen Sieg nicht wissen.</l>
                            <l>Egina, ach &#8212; &#8212; mein Herz, wie viel erlitt es
                                nicht,</l>
                            <l>[Eh es zur Ruhe] Um bald in Ruh' zu sein, die ihm noch itzt <lb/>
                                gebricht!</l>
                            <l>Umsonst kam die <term target="#vern">Vernunft</term>, mich hülfreich
                                zu entstricken.</l>
                            <l>Sie reizt die <term target="#lieb">Liebe</term> nur, anstatt sie zu
                                ersticken.</l>
                            <l>Ich sah, durch sie gestärkt, wie toll mein Feuer wär',</l>
                            <l>Ich sah es voller Scham und liebte doch nur mehr.</l>
                            <l>Drum wollt' ich länger nicht der eiteln Hülfe trauen</l>
                            <l>Und hoffte mit der Zeit mich ruhiger zu schauen.</l>
                            <pb n="350"/>
                            <l>Die Zeit stand mir auch bei, doch da ich ruhig schien,</l>
                            <l>Erfuhr ich zitternde die Rückkunft des Flamin.</l>
                            <l>Sprich, Freundin, was ich thu', wenn für sein Wiederkommen</l>
                            <l>Der unglücksel'ge Brand noch hat verdeckt geglommen!</l>
                            <l>Wenn ich noch liebte! [Sprich] Ach, da mich die Furcht noch drückt,</l>
                            <l>Schmeichl' ich mir nur umsonst, die Flamme sei erstickt!</l>
                            <l>Warum könnt' ich sonst nicht der Seelen Unruh' wehren?</l>
                            <l>Und lieb' ich ihn nicht mehr, warum vergieß' ich Zähren?</l>
                            <l>Jedoch dem Hannibal versprach ich meine Treu',</l>
                            <l>Und selbst das Schicksal will, daß ich des Helden sei.</l>
                            <l>Zwar werd' ich sonder Gluth in sein' Umarmung eilen,</l>
                            <l>Doch hab' ich seinen Ruhm auch einst mit ihm zu theilen.</l>
                            <l>Mein Geist, mit reinem Stolz auf dieses Glück erfüllt,</l>
                            <l>Denkt, daß [derf] ein Held [doch wohl mehr als ein Liebster gilt]
                                <lb/> so viel als ein Geliebter gilt.</l>
                            <l>Ach! Sollte meine Gluth itzt wiederum erwachen,</l>
                            <l>Wird sie [mich nicht zur Braut] zum Opfer mehr als eine Braut <lb/>
                                mich machen.</l>
                            <l>Doch wäre meine Noth auch noch so groß und viel,</l>
                            <l>Gnug, ich vollzieh' das Band, das uns vereinen will!</l>
                            <l>[Und] Liebt' ich auch den Flamin ewig mir zur Beschwerden,</l>
                            <l>Egin', er hat mein Wort, ich will nicht untreu werden!</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Egina</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent" part="I">Hier kömmt er.</l>
                        </sp>
                    </div>
                    <div type="szene">
                        <head>Andrer Auftritt.</head>
                        <stage type="setting" rend="font-weight: bold">Laodicea. Hannibal. Egina.
                            Hamilcar.</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Hannibal</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l part="F">Wünsch' ich mir nicht ein zu großes Glück,</l>
                            <l>[Princeß] So höre mich anitzt auf einen Augenblick!</l>
                            <l>[Ich komme nicht hierher, durch Hoffnung zu] <lb/> Die Hoffnung, die
                                mich hält, macht mich nicht so verwegen,</l>
                            <l>Dir meiner Liebe Ziel in Seufzern auszulegen;</l>
                            <l>Denn wer sein Feu'r
                                <!-- entspricht dem Begriff der Leidenschaft, auch weiter oben  schon -->
                                nicht [mit] mehr mit Unmuth rühmen kann,</l>
                            <l>Verberg' sie in sein Herz und denke nicht daran.</l>
                            <l>Was, das mir mehr geziemt, doch minder mich ergetzet,</l>
                            <l>Zwingt, daß ich mir mit Dir zu reden fürgesetzet.</l>
                            <l>Als Abgesandter kömmt Flamin von Rom herbei,</l>
                            <l>Doch weiß der König nicht, was sein Begehren sei.</l>
                            <l>Ich glaub', ich weiß es schon. &#8212; &#8212; &#8212;
                                &#8212;</l>
                            <lb/>
                            <p>&#8212; &#8212; &#8212; &#8212; &#8212;
                                &#8212; &#8212; &#8212; &#8212;</p>
                            <!-- Hier kann man vielleicht eine note einfügen, die auf eine LM Fußnote verweist,
                            die besagt, dass der Rest des Aktes in der Übersetzung fehle. -->
                        </sp>
                    </div>
                </div>
                <pb n="351"/>
                <div type="akt">
                    <head type="chapter">Anderer Aufzug.</head>
                    <div type="szene" n="1">
                        <head type="section">Erster Auftritt.</head>
                        <stage type="setting" rend="font-weight: bold">Flaminius. Flavius.</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Flavius</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Der König kömmt noch nicht, und ich kann es nicht<lb/>
                                fassen,</l>
                            <l>Wie uns sein kühner Stolz kann auf sich warten lassen.</l>
                            <l>Und seit wann ward ein Held, dem der Senat geschickt,</l>
                            <l>Von Königen wie der mit mindrer Furcht erblickt?</l>
                            <l>Der Würden ohngeacht, womit Dich Rom beehret,</l>
                            <l>Verweilt doch Prusias, der sich nicht daran kehret?</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Flamin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Dem König rechne nicht den tollen Hochmuth an,</l>
                            <l>An den ein König nie auch nur gedenken kann!</l>
                            <l>Ich seh' hier allzu wohl die Kühnheit seines Freundes,</l>
                            <l>Des Neiders unsrer Ehr', des stolzen Römerfeindes.</l>
                            <l>Der König ginge nie von seinen Pflichten ab,</l>
                            <l>Wenn Hannibal nicht wär', der ihm den Anschlag gab.</l>
                            <l>Sein Stolz, durch Hannibal's Verwegenheit gerühret,</l>
                            <l>Vergißt, stolz auf den Thron, welch' Ehrfurcht uns gebühret.</l>
                            <l>Der Rang, den Hannibal ihm allzu sehr erhebt,</l>
                            <l>Hat kühnen Uebermuth in seiner Brust belebt.</l>
                            <l>Doch wird hier Hannibal in seiner Hoffnung fehlen;</l>
                            <l>Denn welcher König folgt nicht unsers Rom's Befehlen?</l>
                            <l>Der Flüchtling merkt es selbst aus der <term target="#erfa"
                                >Erfahrung</term> an,</l>
                            <l>Wie viel [sein] Rom's Götterspruch bei ihnen gelten kann.</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Flavius</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Aus diesen Reden, Herr, erlaubet, daß man schließet,</l>
                            <l>Daß um den Artamen Ihr nicht blos kommen müsset,</l>
                            <l>Und daß der Krieg, mit dem ihn Prusias verstrickt,</l>
                            <l>Die kleinste Ursach sei, die Euch hieher geschickt.</l>
                            <l>Mein Argwohn will mir zwar bald das Geheimniß zeigen,</l>
                            <l>Doch glaub' ich, meine Pflicht, Flamin, ist, hier zu schweigen.</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Flaminius</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Wär' ich vom Kummer frei, der mir im Herzen<lb/>
                                steckt,</l>
                            <l>Ich hätte Dir es, Freund, aus Freundschaft längst entdeckt.</l>
                            <l>Mein Zweck ist Hannibal. Und so viel sollst Du wissen,</l>
                            <l>Daß Prusias ihn wird an Rom ausliefern müssen.</l>
                            <l>Sieh, darum kam ich her! Was sonst noch möchte sein,</l>
                            <l part="I">Betrifft alleine mich &#8212; &#8212;</l>
                        </sp>
                        <pb n="352"/>
                        <sp>
                            <speaker>Flavius</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent" part="F">Wie? Dich? Wie? Dich allein?</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Flamin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">[Ja. Itzt sind wir allein, ich kann]<lb/> Weil Niemand
                                um uns ist, darf ich mich Dir entdecken.</l>
                            <l>Noch kann uns Hannibal mit Recht viel Furcht erwecken.</l>
                            <l>Er flieht und ist besiegt. Doch er ist so besiegt,</l>
                            <l>Daß er den Römern nicht, dem Glück nur unterliegt.</l>
                            <l>Und hätt' er seinem Glück nicht selber widerstanden,</l>
                            <l>So läge Rom vielleicht itzt in Karthago's Banden.</l>
                            <l>Wie leicht wird nicht durch ihn ein König aufgebracht,</l>
                            <l>Der kühn sich wider Rom sein Schwert zu Nutze macht</l>
                            <l>Und des Senats Befehl mit mindrer Furcht verhöhnet,</l>
                            <l>Weil ihn ein Held beschützt, den Sieg und Ehre krönet!</l>
                            <l>Rom hätte dann die Müh', zum Strafen ihn zu ziehn,</l>
                            <l>Und dieser kann sie itzt durch Vorsicht noch entfliehn.</l>
                            <l>Durch eben diesen Feind, der sich hier [glücklich] sicher schätzet,</l>
                            <l>Ward unsrer Adler Heer sehr oft in <term target="#furc">Furcht</term>
                                gesetzet;</l>
                            <l>Durch ihn, dem unser Drohn nie <term target="#furc">Furcht</term> und
                                Muth geraubt,</l>
                            <l>Dem Rom ist, was es ist, nicht, was man fälschlich glaubt;</l>
                            <l>Sein Stolz, sein Ruhm, sein Haß, der unversöhnlich wüthet,</l>
                            <l>[Und] Ja selbst sein Unglück macht, daß Rom sich vor ihn hütet.</l>
                            <l>Und da vor Kurzem gar der Ruf bei uns entstand,</l>
                            <l>Laodicea sei ihm zum Gemahl erkannt,</l>
                            <l>Ward Rom dadurch betäubt und läßt, den Bund zu stören,</l>
                            <l>Bald nach Bithynien den Marsch des Heeres kehren</l>
                            <l>Und holt den Hannibal. Du weißt, wie der Senat</l>
                            <l>Die Könige verschmäht trotz ihres Thrones hat;</l>
                            <l part="I">Doch giebt sein Stolz itzt nach &#8212; &#8212;
                                &#8212;</l>
                            <l>&#8212; &#8212; &#8212; &#8212; &#8212;
                                &#8212; &#8212;</l>
                            <!-- Das ist hier etwas seltsam. LM geben hier in einer Fußnote an, dass zehn Verse fehlen würden. -->
                            <l part="F">Doch glaub indessen nicht,</l>
                            <l>Mein zärtlich Lieben sei zur Hindrung meiner Pflicht!</l>
                            <l>Rom redet itzt durch mich, dem hat es gut geschienen,</l>
                            <l>Sich gegen Prusias der Schärfe zu bedienen.</l>
                            <l part="I" n="30">Es ist auch nöthig &#8212; &#8212;</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Flavius</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent" part="F">Doch sprich, Herr, seit welcher Zeit</l>
                            <l>Fühlt Dein verwundtes Herz schon diese Zärtlichkeit?</l>
                            <l>Laodicea hat Dich doch wohl aufgenommen</l>
                            <l part="I">Und gleichfalls ihre Gluth &#8212; &#8212;</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Flamin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent" part="F">Ich seh' den König kommen.</l>
                            <l>Schweig itzt und hüte Dich, daß Keinem wissend sei,</l>
                            <l>Was ich Dir itzt entdeckt aus wahrer Freundschaftstreu'!</l>
                        </sp>
                    </div>
                    <pb n="353"/>
                    <div type="szene">
                        <head type="section">Andrer Auftritt.</head>
                        <stage type="setting" rend="font-weight: bold">Prusias. Hannibal. Flaminius.
                            Flavius.</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Prusias</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Rom, das Dein Thun bemerkt &#8212; &#8212;</l>
                            <l>&#8212; &#8212; &#8212; &#8212; &#8212;
                                &#8212; &#8212; &#8212; &#8212; &#8212;
                                &#8212; &#8212; &#8212; &#8212;</l>
                            <!-- in LM folgt auf bemerkt in der darüberliegenden Zeilen eine Fußnote, 
                            die anderthalb fehlende Verse verweist.-->
                            <l>Rom schicket mich zu Dir, damit ich die Gefahr,</l>
                            <l>Womit ihr Zorn Dir droht, Dir machte offenbar.</l>
                            <l>Noch will zu Land und Meer Dein Schwert nicht stille liegen</l>
                            <l>Und sucht den Artamen aufs Neue zu bekriegen.</l>
                            <l>Dies stehet Rom nicht an, so daß Dir der Senat</l>
                            <l>Es, im Vertrauen zwar, Herr, schon verboten hat.</l>
                            <l>Ein Römer hat es Dir geheim entdecken müssen,</l>
                            <l>Zu was Du Dich hierbei am Besten könnt'st entschließen,</l>
                            <l>Und daß er's gerne säh', wenn bei erregtem Zwist</l>
                            <l>Rom's Billigkeit und nicht der Krieg die Zuflucht ist.</l>
                            <l>Es könnte dieser Rath zwar gleich als Herr befehlen,</l>
                            <l>Jedoch nur mit Verdruß sieht man den Zwang ihn wählen,</l>
                            <l>Drum schwieg er noch bis itzt mit seinem Machtspruch still</l>
                            <l>Und glaubte Dich bereit, eh daß er spräch': <q>Ich will!</q></l>
                            <l>Doch nun spricht er's durch mich; wirst Du Dich noch entbrechen?</l>
                            <l>Nach Deiner Antwort nur wird er Dein Urtheil sprechen.</l>
                            <l>&#8212; &#8212; &#8212; &#8212; &#8212;
                                &#8212; &#8212; &#8212; &#8212; &#8212;
                                &#8212; &#8212; &#8212; &#8212; &#8212;</l>
                            <!-- 15, LM schreiben in einer Fußnote: "Der Rest des zweiten Aufzugs und der vollständige dritte
                            Akt fehlen in der Hs." LM 3: 241.-->
                        </sp>
                    </div>
                </div>
                <div type="akt" n="4">
                    <head type="chapter">Vierter Aufzug.</head>
                    <div type="szene" n="1">
                        <head type="section">Erster Auftritt.</head>
                        <stage type="setting">Laodicea (allein).</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Laodicea</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Welch froher Hoffnungsstrahl hebt den gefallnen<lb/>
                                Muth?</l>
                            <l>So heißt der König denn des Liebsten Flammen gut.</l>
                            <l>Er, der das Bündniß schloß, sollt' er es selber trennen?</l>
                            <l>Sollt' ich, vom <term target="#last">Laster</term> frei, Flaminen
                                wählen können?</l>
                            <l>Vom Laster frei? O nein! Mein Wunsch ist <term target="#last"
                                >Lasters</term> gnung,</l>
                            <l>Der nach des Vaters Wort: <q>Sei untreu!</q> heimlich rung.</l>
                            <l>Schwör Deinen Wünschen ab, mein Herz! begreife wieder:</l>
                            <l>Ein solcher Wunsch schlägt mein' und seine Hoheit nieder!</l>
                            <l part="I">Wen seh' ich? Hannibal?</l>
                        </sp>
                    </div>
                    <pb n="354"/>
                    <div type="szene">
                        <head type="section">Andrer Auftritt.</head>
                        <stage type="setting" rend="font-weight: bold">Laodicea. Hannibal.</stage>
                        <sp>
                            <speaker>Hannibal</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l part="F">Dies endlich ist die Zeit,</l>
                            <l>Wo Alles, Alles mir nichts als Beschimpfung dräut.</l>
                            <l>Beschimpfung! <term target="#gott">Götter</term>! ach, durch dieses
                                Wort erhitzet,</l>
                            <l>Vergönn, daß meinen <term target="#geis">Geist</term> gerechter Stolz
                                besitzet!</l>
                            <l>Prinzeß, bei der Gefahr, glaub' ich, steht mir es frei,</l>
                            <l>Ohn' daß ich eitel bin, zu sagen, wer ich sei.</l>
                            <l>Gedenke, wünsch' ich blos, gedenk einmal zurücke</l>
                            <l>An eines Kriegers Ruhm, verfolgt vom Ungelücke!</l>
                            <l>Und denkest Du an ihn, so wecke Deinen <term target="#geis"
                                >Geist</term>,</l>
                            <l>Daß er verdoppelt itzt mir seine Großmuth weist!</l>
                            <l>Ich will nicht, daß Du Dich beim Vater sollst bemühen,</l>
                            <l>Das, was er mir beschwur, anitzo zu [erfül] vollziehen.</l>
                            <l>Er schwur mir schmeichelhaft das Glücke Deiner Hand.</l>
                            <l>Das war es, wo mein Herz sein schönstes Labsal fand.</l>
                            <l>Rom raubt mir ihn und Dich. Doch kann ich nicht entdecken,</l>
                            <l>Wie weit die Streiche sich, die man mir droht, erstrecken.</l>
                            <l>Belehr den Hannibal! denn nur von Dir allein</l>
                            <l>Kann er von ihrem Zweck hier unterrichtet sein.</l>
                            <l>Dein Wort, das uns verknüpft, beleget Dich mit Pflichten.</l>
                            <l>Sprich frei mit mir! In dem sind alle zu entrichten.</l>
                            <l>Bedenk, es ist Dein Herz der unverfälschte Freund,</l>
                            <l>Der von den Göttern mir noch hier gelassen scheint!</l>
                            <l>Rom giebt Dir einen Mann. Nicht? Sollt' ich nur noch wissen,</l>
                            <l>Was Rom vom Prusias noch mehr verlangen müssen!</l>
                            <l>Er flieht und scheuet mich. Und wie es mir [er] heut schien,</l>
                            <l>Der Bund, der uns vereint, ist eine Last für ihn.</l>
                            <l>Und ich gesteh' es Dir, der Vorsatz bringt mir <term target="#schr"
                                    >Schrecken</term>,</l>
                            <l>Den <term target="#furc">Furchtsamkeit</term> und Drohn in ihm
                                vielleicht erwecken.</l>
                            <l>Hielt' zarte Hoffnung nicht, hielt' Rom mich nicht zurück,</l>
                            <l>Rom, das verhaßte Rom, so sorgt' ich für mein Glück.</l>
                            <l>Sprich! fürchte nichts! Mein Mund hält Deine Huld verborgen,</l>
                            <l>Die großmuthsvoll für mich und meinen Ruhm will sorgen.</l>
                            <l>Sprich! Wer ist Dein Gemahl? Kann ich noch leben? Sprich!</l>
                            <l>Geht es auf meinen <term target="#tod">Tod</term>? Wohl gut! Der
                                rettet mich.</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Laodicea</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Nein, lebe, Hannibal! Auch ich, ich kenn' die <term
                                    xml:id="ehre">Ehre</term>;</l>
                            <l>Wenn Dein Herz, das mich liebt, auch minder schätzbar wäre,</l>
                            <l>Dennoch entdeckt' ich Dir, wenn feindliches Bemühn</l>
                            <l>Auf Deinen Untergang und Schimpf gerichtet schien'.</l>
                            <pb n="355"/>
                            <l>Ja, da der Held sein Wohl in meine Hand gegeben,</l>
                            <l>Und da ich mich für ihn, für ihn verschwur zu leben,</l>
                            <l>So glaube, daß ein Herz, das so wie meines ist,</l>
                            <l>An Adel Deinem gleich, für Dich zu sein beschließt,</l>
                            <l>[Und daß es sich] Ja, es beschließt, an Muth selbst Dir nichts<lb/>
                                nachzugeben,</l>
                            <l>Wofern sich wider Dich ein Wetter sollt' erheben;</l>
                            <l>Und wenn der <term target="#tod">Tod</term> allein Dich dafür
                                schützen kann,</l>
                            <l>So zeig' ich Dir's gewiß mit nassen Augen an.</l>
                            <l>Doch meiner Thränen hat Dein Ruhm hier nicht vonnöthen;</l>
                            <l>Die Götter werden mich auch wohl davon erretten.</l>
                            <l>Und wenn des <term target="#schi">Schicksals</term> Neid auch unser
                                Band zerbricht,</l>
                            <l>Vergißt mein Vater doch sich und die <term target="#tuge"
                                >Tugend</term> nicht.</l>
                            <l>Ja, soll Rom's Tyrannei auch seine Großhmuth mindern</l>
                            <l>Und ihn mit List und Macht, Dir treu zu bleiben, hindern,</l>
                            <l>Sei nur nicht ungerecht, und trau dem Vater Du</l>
                            <l>Als die Verrätherei eh alle <term target="#last">Laster</term>
                            zu!</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Hannibal</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Wohl! Ich versteh' Dich schon. Die Hand, die<lb/> mir
                                gehöret,</l>
                            <l>Hat für ein Glied aus ihm das stolze Rom begehret.</l>
                            <l>Da sieh nun, wie Dein Wohl sich Rom zu Herzen nahm!</l>
                            <l>Doch sprich, ich bitte Dich, liebst Du den Bräutigam?</l>
                            <l>Mußt Du Dich itzt [für mich] vor mir im Mindesten nur zwingen?</l>
                            <l>Entdecke mir Dein Herz, ohn' mehr in Dich zu dringen!</l>
                            <l>Prinzessin, rede frei! Schätzt [ihr] man mich hoch? Wohlan!</l>
                            <l>Ich bin damit vergnügt, wenn man nicht lieben kann.</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Laodicea</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Doch Dir gehört mein Herz, und Dir nur meine<lb/> Liebe
                                &#8212; &#8212;</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Hannibal</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Doch ich nehm' [sie] es nicht an. Bei solchem<lb/>
                                Tugendtriebe</l>
                            <l>Will ich nicht, daß es sich der Pflicht zum Opfer weih'</l>
                            <l>Und für den edeln Zwang der Preis nur Marter sei.</l>
                            <l>Nein, Unvergleichliche, mein Recht leg' ich hier nieder</l>
                            <l>Und schenke Dir Dein Herz, das mir gehöret, wieder,</l>
                            <l>Dies klägliche Geschenk, das mir die <term target="#tuge"
                                >Tugend</term> gab.</l>
                            <l>Aus Großmuth nahm man mich, aus Großmuth steh' ich ab.</l>
                            <l>Dein Herz ist schon verschenkt, ich hab' es wohl gespüret.</l>
                            <l>Nun wohl! Es sei verschenkt! Es hat mir nicht gebühret!</l>
                            <l>Doch hätt' es mir gebührt, Prinzeß, gefiele Dir</l>
                            <l>Mein Herze für Dein Herz, wie Dein für meines mir,</l>
                            <l>Ich schenke für dies Glück, das ich nun aufgegeben,</l>
                            <pb n="356"/>
                            <l>Nicht meine Ruh' noch Müh' noch Muth noch Ruhm noch Leben.</l>
                            <l>Doch nun ist's nicht mehr Zeit. Ich würd' undankbar sein,</l>
                            <l>Nähm' mich den Trauertag noch süße Hoffnung ein.</l>
                            <l>Ich geh' zum Prusias, dem ich zu sagen brenne,</l>
                            <l>Daß seine Kleinmuth nun den Römern folgen könne.</l>
                            <l>Ich dring' in ihn, bis er mir den Verdacht erklärt,</l>
                            <l>Den mein gequältes Herz nicht ohne Grund vermehrt.</l>
                            <l>Jedoch, vielleicht werd' ich von eitler Furcht bekrieget,</l>
                            <l>Vielleicht ist's unser Band, was ihm am Herzen lieget.</l>
                            <l>Es sei nun, wie es sei! Ich leg' in Deine Hand</l>
                            <l>Mein Schicksal, das man <note type="annotation" resp="editor">
                                    <hi rend="font-family: antiqua">(sic)</hi>
                                </note> Rom vielleicht schon zuerkannt.</l>
                            <l>Gesetzt, ich flöh'. Wohin? wo könnt' ich sicher leben?</l>
                            <l>Und fliehn, hieß' Rom das Recht, mich zu verfolgen, geben.</l>
                            <l>Das <term target="#last">Laster</term> wird nur kühn, wenn man sich
                                ihm nicht zeigt.</l>
                            <l>Nun wohl, ich zeige mich; und es erschrickt vielleicht.</l>
                            <l>Ich mag das Uebrige nicht vom Geheimniß wissen,</l>
                            <l>Prinzessin, das ich Dir aus Deiner Brust gerissen.</l>
                            <l part="I">Das Bündnis ist entzwei &#8212; &#8212;<note
                                    type="annotation" resp="werner">Diese Zeile ist bei
                                    Lachmann/Muncker in den nächsten Auftritt gerückt und mit einer
                                    Fußnote versehen: <q>Dritter Auftritt. Laodicea. [fehlt] in der
                                        Hs., in welcher hier ein neues Blatt beginnt; ebenso die
                                        letzten Verse des zweiten und die ersten des dritten
                                        Auftritts.]</q> LM 3: S. 244.</note></l>
                        </sp>
                    </div>
                    <div type="szene" n="3">
                        <head type="section">[Dritter
                            Auftritt.]<!-- <note type="annotation" resp="werner">Ergänzt. Vgl. Boxberger 11.2: S. 332 und LM 3: S. 244.</note> --></head>
                        <l>&#8212; &#8212; &#8212; &#8212; &#8212; &#8212;
                            &#8212; &#8212; &#8212; &#8212;</l>
                        <sp>
                            <speaker>Flamin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l part="F">Dem Himmel dank' ich dies,</l>
                            <l>Durch den Dein Vater sich der nahen Schand' entriß!</l>
                            <l>Er läßt den Hannibal doch auch wohl mit mir gehen?</l>
                            <l>Und hat der König auch auf meine Gluth gesehen?</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Laodicea</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Flamin, was das betrifft, Dein Wünschen findet statt,</l>
                            <l>Wenn Deine Liebe Dich nicht selbst zur Hindrung hat.</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Flamin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent" part="I">Ich sie verhindern? ich?</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Laodicea</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l part="F">Laß Dir den Rest entdecken!</l>
                            <l>Das, was Dich hergebracht, will meinen Ruhm beflecken.</l>
                            <l>Bedenke, daß dem Held, den Rom von uns begehrt,</l>
                            <l>[Bedenke, sag' ich, daß dem Held ich erst gehört.]<lb/> Daß diesem
                                Helden ich vorhero zugehört.</l>
                            <l>Mein Wort ließ er zum Pfand der Sicherheit sich setzen,</l>
                            <l>Und drum verletzt man mich, wenn man ihn will verletzten.</l>
                            <l>Sein Recht auf mich wird zwar anitzt an Dich gebracht,</l>
                            <l>Doch ein= für allemal, er war mir zugedacht!</l>
                            <l>Sein Ruhm wird mir allzeit verehrungswürdig bleiben,</l>
                            <l>Den man ihn täglich sieht durch <term target="#tuge">Tugend</term>
                                weiter treiben.</l>
                            <l>Drum rette diesen Held, der Preis dafür bin ich!</l>
                        </sp>
                        <pb n="357"/>
                        <sp>
                            <speaker>Flamin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l rend="indent">Weißt Du auch, was Du sagst? Mein Amt ver<c
                                    type="bindestrich">-</c><lb/> bindet mich.</l>
                            <l>Willst Du, daß meine Gluth mich schändlich fehlen lasse?</l>
                            <l>O tödtlicher Kunstgriff von Deinem schlauen Hasse!</l>
                            <l>Ich seh' schon, was Du suchst &#8212; &#8212; ja &#8212;
                                von Dir abzustehn,</l>
                            <l>Willst Du gezwungen mich durch Deinen Vorschlag sehn.</l>
                            <l>Die Hand, die ich so werth, die ich unendlich schätze,</l>
                            <l>Die bietest Du mir an, wenn ich die Pflicht verletze?</l>
                            <l part="I">So biet'st Du mir nichts an &#8212; &#8212;</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Laodicea</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l part="F">Du irrst, Du irrest sehr.</l>
                            <l>Ich hätte doch geglaubt, daß ich Dir werther wär'.</l>
                            <l>Doch sprich, was hindert Dich, mir [dies nicht] dieses zu
                            entrichten?</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Flamin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l part="I">Die Plicht.</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Laodicea</speaker>
                            <l part="F">Die Pflicht? folgt Ihr denn so grau<c type="bindestrich"
                                >-</c><lb/> samen Pflichten,</l>
                            <l>Die, wenn sie Raserei ins wilde Herz gebracht,</l>
                            <l>Noch der Tyrannen Stolz zu heil'gen Pflichten macht?</l>
                            <l>Wie bald stirbt Hannibal betagt und groß an Thaten?</l>
                            <l>Und stirbt er unbeschimpft, wird dadurch Rom verrathen?</l>
                            <l part="I">O, welche Pflicht!</l>
                        </sp>
                        <sp>
                            <speaker>Flamin</speaker>
                            <ab>.</ab>
                            <l part="F">Ihr kennt der Römer Größe doch,</l>
                            <l>Es schmiegt die ganze Welt sich in ihr <term target="#gott"
                                >göttlich</term> Joch.</l>
                            <l>Wo ist das Land, das Volk, die uns nicht zitternd ehren?</l>
                            <l>Nicht als ob von der <term target="#furc">Furcht</term> der Macht
                                dies Früchte wären;</l>
                            <l>Der Liebe zu der Pflicht, der, der schreib' man es zu,</l>
                            <l>Der Pflicht, die ich bei Dir schon minder feurig thu'!</l>
                            <l>Wie leicht betrög' ich Rom! Ich dürf <note type="annotation"
                                    resp="editor">
                                    <hi rend="font- family: antiqua">(sic)</hi>
                                </note> es falsch erzählen,</l>
                            <l>So würde Rom gar bald gelindre Mittel wählen.</l>
                            <l>Doch dadurch raubt' ich ihm, ergriff' ich den Entschluß,</l>
                            <l>Den Vortheil, daß man ihm Gehorsam leisten muß.</l>
                            <l>Wer Könige verbirgt, die Rom beleidigt haben,</l>
                            <l>Will feindlich seine Macht und <term target="#frei">Freiheit</term>
                                untergraben.</l>
                            <l>Durch Strafen dauert Rom, die es an Den verübt,</l>
                            <l>Die ein Gesandter ihm für einen Feind angiebt.</l>
                            <l>Dadurch ward unser Wink ein Quell zu <term target="#furc"
                                >Furcht</term> und <term target="#schr">Schrecken</term>,</l>
                            <l>Den unser Donner kann in aller Welt erwecken.</l>
                            <l>Verfolgt es Könige, die kühnlich sich empört,</l>
                            <l>Und die aus Unbedacht nicht seine Macht verehrt,</l>
                            <l>So wird durch unsre Macht der Sieg nun ausgeführet,</l>
                            <l>Davon der größte Ruhm meist dem Bericht gebühret.</l>
                        </sp>
                    </div>
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>

