<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<?xml-stylesheet type="text/xsl" href="prosa.xsl"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
    <!-- Editorische Vorbemerkung evt. mit Hinweis auf die falsche Zuschreibung. Der Text stammt aus dem Oktober-Witz, übernommen aus LM IV, 450-462 -->
    <teiHeader>
        <fileDesc>
            <titleStmt>
                <title/>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <p> </p>
            </publicationStmt>
            <sourceDesc>
                <p> </p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
    </teiHeader>
    <text>
        <body>
            <div>
                <pb n="450"/>
                <head type="maintitle">Das Neueste aus dem Reiche des Witzes</head>
                <head type="subtitle">als eine Beylage zu den Berlinischen Staats- und Gelehrten Zeitungen</head>
                <docDate>1751.</docDate>
                <head type="chapter">Monat October 1751</head>
                <p>Das einzige Denkmahl, woraus man sich einen Begrif von der<lb/> Artigkeit der
                    alten Römer, von ihren feinern Sitten, dem Geschmacke<lb/> in ihren Ergötzungen,
                    dem Tone ihrer Gesellschaften, der Wendung ihrer<lb/> zärtlichen Gesinnungen,
                    machen kan, ist des <rs type="person" ref="#ovid">Ovids</rs>
                    <rs type="bibl" ref="#ovid_ars_amatoria" rend="spaced">Kunst zu
                    lieben</rs>.<lb/> Hundert Werke werden uns jene Beherrscher der Welt als grosse,
                        mäch<c type="bindestrich">-</c><lb/> tige und tugendhafte Geister schildern,
                    dieses allein schildert sie uns als<lb/> Geister, welche empfunden, ihre
                    Empfindungen geläutert und die Natur<lb/> zur schönen Natur ausgebildet haben.</p>
                <p>Von dieser Seite ist dieses <rs type="bibl" ref="#ovid_ars_amatoria"
                    >Gedichte</rs> unschätzbar. Es hat eine andere<lb/> Seite, die es weniger ist,
                    diejenige nemlich, auf welcher es seinem Titel<lb/> widerspricht. Lehrte <rs
                        type="person" ref="#ovid">Ovid</rs> die Kunst zu lieben, er würde der
                        liebens<c type="bindestrich">-</c><lb/> würdigste und unschuldigste Dichter
                    seyn. Die schamhafteste Jugend würde<lb/> ihn lesen, und jener Trieb der Natur
                    würde ein Führer zur Tugend<lb/> werden, da er bey denen, die ihn nicht zu
                    ordnen wissen, ein Verleiter<pb n="451"/><lb/> zu den unsaubersten
                    Ausschweifungen wird. Allein <rs type="person" ref="#ovid">Ovid</rs> lehret die
                        Wol<c type="bindestrich">-</c><lb/> lust, jene sinnliche, die ohne
                    Zärtlichkeit des Herzens vom Genuß zum<lb/> Genusse schweift, und selbst in dem
                    Genusse schmachtet.</p>
                <p>Verschiedene Neue scheinen den Widerspruch, welcher bey dem römi<c
                        type="bindestrich">-</c><lb/> schen <rs type="bibl" ref="#ovid_ars_amatoria"
                        >Gedichte</rs> zwischen dem Titel und der Ausführung ist, eingesehen zu<lb/>
                    haben. Wie schwer ist es dasjenige gut zu machen, was ein <rs type="person"
                        ref="#ovid">Ovid</rs> schlecht<lb/> gemacht hat! Jeder von seinen
                    Nacheifrern hat sich ein besonder Lehr<c type="bindestrich">-</c><lb/> gebäude
                    von der Liebe gemacht. Des Italiäners <rs type="person" ref="#mich">Pietro
                        Michele</rs>
                    <rs type="bibl" ref="#michiele_amanti"
                        rend="font-family: antiqua_font-style: italic">arte<lb/> degli amanti</rs>
                    ist eine Sammlung süsser Grillen und wortreicher Tände<c type="bindestrich"
                    >-</c><lb/> leyen. Kan auch ein Italiäner von der Liebe schreiben ohne zu
                        platoni<c type="bindestrich">-</c><lb/> siren? <hi rend="spaced">Die <rs
                            type="bibl" ref="#bussy_maximes">Maximen der Liebe</rs> des Grafen <rs
                            type="person" ref="#buss">von Bussy</rs></hi> sind<lb/> lächerlich
                    ernsthafte Stoßgebetchens, und was die kalte Frau von <rs type="person"
                        ref="#lamb">Lambert</rs><lb/> von dieser feurigen Leidenschaft sagen will,
                    sind metaphysische Grübe<c type="bindestrich">-</c><lb/> leyen, die nach dem
                    Hotel de <rs type="person" ref="#ramb">Rambouillet</rs> schmecken. Wo hin und
                    wieder<lb/> ein Deutscher die Liebe zu seinem Gegenstande gehabt hat, da wird
                    man<lb/> schwerlich mehr als schulmäßige Declamationes finden, welche die
                    Ohren<lb/> füllen, und dem Leser nichts zu fühlen geben, weil die Verfasser
                    nichts<lb/> gefühlt haben.</p>
                <p>Ein liebenswürdiger Franzose ist glücklicher gewesen. <rs type="person"
                        ref="#bern">Bernard</rs><lb/> hat uns in seiner <rs type="bibl"
                        ref="#bernard_art">Kunst zu lieben</rs> ein Gedichte geliefert, welches<lb/>
                    diesen Titel behauptet. Schon seit fünf bis sechs Jahren hat die Welt<lb/>
                    unvollständige Abdrucke davon gelesen, und mit Vergnügen, so unvoll<c
                        type="bindestrich">-</c><lb/> ständig sie gewesen sind. Nur erst zu Ende des
                    vorigen Jahres hat man<lb/> eine getreue, verbesserte und ganze Ausgabe
                    erhalten. Wir würden<lb/> weniger berechtiget seyn ihrer hier zu gedenken, wenn
                    sie in Deutschland<lb/> mehr bekant geworden wäre. Sollten wir glauben, daß ein
                    Auszug<lb/> deswegen mißfallen sollte, weil hinter dem L auf dem Titel nicht
                    noch<lb/> ein I stehet?<note type="footnote" n="**)" resp="lessing">
                        <rs type="bibl" ref="#cessieres_art">L'art d'aimer, nouveau poeme en six
                            chants par Mr.****; edition fidele, et complette, enrichie de figures. á
                            Londres, aux depens de la compagnie. MDCCL. en 8.</rs>
                    </note></p>
                <p>Dieses neue Gedichte, welches aus sechs Gesängen bestehet, lehret<lb/> die Kunst
                    die Liebe dem Wohlstande zu unterwerfen, den Pflichten und<lb/> den Sitten; doch
                    ohne ihr Zwang anzuthun, ohne ihr ihre Reitze zu<pb n="452"/><lb/> nehmen, ohne
                    sie Einschränckungen auszusetzen, die sie vernichten; mit<lb/> einem Worte, ohne
                    von ihr zu verlangen, daß sie keine Leidenschaft sey.<lb/> Der <rs type="person"
                        ref="#">Dichter</rs> hat sich nicht vorgesetzt die Natur zu ersticken,
                    sondern die<lb/> Liebe zu lehren, wie sie ein ehrlicher Mann zu empfinden, und
                    das zärt<c type="bindestrich">-</c><lb/> lichste Frauenzimmer beyzubringen
                    wünscht. Das ganze Werk läuft auf<lb/> den Lehrsatz hinaus: man kan sich durch
                    nichts als durch gute Eigen<c type="bindestrich">-</c><lb/> schaften beliebt
                    machen.</p>
                <p>Wir wollen von Gesang zu Gesang gehen, um den Leser in Stand<lb/> zu setzen den
                    Plan zu übersehen; und wollen hin und wieder kleine<lb/> Stellen einrücken, um
                    ihn in den Stand zu setzen, von der Ausführung<lb/> zu urtheilen.</p>
                <p>Der erste Gesang fängt sich mit der Entdeckung des Vorsatzes, und<lb/> den
                    gewöhnlichen Anrufungen an. <q n="001">Ohne Lehrmeister lernt man lieben,<lb/>
                        ohne Kunst seufzet das Herz; denn die Liebe ist eine Neigung, die die<lb/>
                        Natur einflößt. Aber dem Gesetze der Pflichten ihre schönen Flammen<lb/> zu
                        unterwerfen, das widrige Schicksal zu erweichen, die Gunstbezeigungen<lb/>
                        für den Preiß der Beständigkeit zu erkaufen, den Argwohn bleicher Mit<c
                            type="bindestrich">-</c><lb/> buhler zu ersticken; dazu gehöret eine
                        Kunst, dazu gehören Lehrmeister<lb/> und Regeln.</q> Dieser Entwurf, hoffen
                    wir, muß den schärfsten Sitten<c type="bindestrich">-</c><lb/> richter auf das
                    Trockene setzen. Der Dichter weiß von keiner Muse<lb/> ausser von seiner Zulni,
                        <q n="002">die Geliebte, deren Reitz die Tugend borgen würde,<lb/> wann sie
                        sterblichen Blicken sichtbar werden wollte.</q>
                    <q n="003">Wende diese Augen<lb/> auf mich, worinne dein Hertz sich bildet, wo
                        die Schamhaftigkeit wohnet,<lb/> und die siegende Liebe lächelt. Ein
                        einziger deiner Blicke bringt jenes<lb/> erhabene Feuer, jene göttliche
                        Flamme, die die Töne der ewigen Sänger<lb/> beleben, in meine Seele. Sey
                        meine Muse. Wo soll ich eine zärt<c type="bindestrich">-</c><lb/> lichere
                        finden? Komm führe meine Hand, leihe meinem Liede deine<lb/> Anmuth. Indem
                        ich die Liebe erhebe, singe ich dich, Zulni!</q> &#8212;
                    &#8212;<lb/> Nunmehr tritt der <rs type="person" ref="#">Dichter</rs> ins
                    Feld. Er lehrt den himmlischen Ursprung<lb/> der Liebe, er lehrt, daß sie nach
                    diesem Ursprunge, das schönste Geschenk<lb/> sey, welches das Schicksal auf die
                    Menschlichkeit fliessen lassen, er lehrt,<lb/> daß sie nur durch die Vermischung
                    mit unsern Lastern tadelhaft wird;<lb/> daß ihr alle Herzen den Zoll schuldig
                    sind; daß sie früh oder späte sich<lb/> Meister davon macht; daß man die Zeit
                    der Empfindlichkeit, der Jugend<lb/> dazu anwenden müsse; daß in der Welt eine
                    Person sey, welche das<lb/> Schicksal uns zu lieben, und von uns geliebt zu
                    werden bestimmt habe.<pb n="453"/><lb/>
                    <q n="004">Unsere Neigungen sind bestimmt, umsonst sind unschiffbare Meere un<c
                            type="bindestrich">-</c><lb/> überwindliche Scheidemauern zwischen zwey
                        jungen Herzen, gebohren<lb/> einander zu fesseln. Ein unvermutheter
                        Augenblick bringt sie zusammen.<lb/> Wäre sie auch unter dem brennenden
                        Himmelsstriche gebohren, wo Phö<c type="bindestrich">-</c><lb/> bus die
                        wilden Mexicaner bereichert; lebte sie auch auf den gefrohrnen,<lb/> wüsten
                        und schrecklichen Bergen, um die sich der Scythe und die Bäre<lb/> streiten,
                        auf den Bergen, den Gräbern der Welt, wo die Natur er<c type="bindestrich"
                        >-</c><lb/> blasset; und der Himmel hat ihr die Beherrschung eurer Wünsche
                            vor<c type="bindestrich">-</c><lb/> behalten; so wird nichts diese
                        ewigen Rathschlüsse hintertreiben.</q> Nur,<lb/> fährt der Lehrer der Liebe
                    fort, muß man den Augenblick erwarten;<lb/> und sich nicht darinne zu betriegen,
                    zeigt er welches die Merckmahle<lb/> der wahren Liebe sind.<q n="005"> Von den
                        Reitzen einer jungen Schönheit ge<c type="bindestrich">-</c><lb/> blendet
                        bleibt man bey dem ersten Blicke unbeweglich, bezaubert. Das<lb/> Herz fühlt
                        die Annäherung der Liebe; die Sinne werden verwirrt, die<lb/> Stimme wird
                        schwach; das Herz scheint sich loszureissen, und dem Gegen<c
                            type="bindestrich">-</c><lb/> stande nachzufolgen. Alles erneuert dem
                        Auge das Bild davon; alles<lb/> mahlt euch seine Reitze, alles redet euch
                        von ihm. Abwesend betet ihr<lb/> sie an; sie ist gegenwärtig und ihr
                        erbleichet. Eure gemeinsten Reden<lb/> scheinen verworren; ihr drückt viel
                        aus und empfindet noch mehr. Zeigt<lb/> sich einige Hoffnung, die Furcht
                        theilet sie. Furchtsam, ungewiß, voll<lb/> von einer redenden Verwirrung,
                        fallen die Blicke nur zitternd auf<lb/> sie. &#8212; &#8212; Ja
                        gewiß, dieser ist der bezaubernde Gegenstand, welcher<lb/> euch zu gefallen,
                        gebohren ward. Und hat ein solches Schicksal unter<lb/> so viel Reitze ein
                        für die Tugend gebildetes Herz verborgen, ist ihr<lb/> Geist eben so groß
                        als ihre Schönheit, so liebt, so unterwerft euch<lb/> ohne Murren.</q>
                    &#8212; &#8212; Allein wie oft widersetzen sich Geitz und Hoch<c
                        type="bindestrich">-</c><lb/> muth dem Fortgange der Liebe. Glückliche
                    Zeiten der ersten Welt, da<lb/> ein König wenn er liebte, nicht seine Krone,
                    sondern die Heftigkeit seiner<lb/> Liebe prieß! &#8212; &#8212; Hierauf
                    beschreibt der Dichter die Sprache der Augen,<lb/> die erste Sprache der
                    Verliebten, ihre Gewalt und ihre Bequemlichkeit.<lb/> Wo die Augen antworten, da
                    ist das Herz nicht taub. Doch jemehr eine<lb/> Schöne nicht hintergangen zu
                    werden wünschet, desto mehr fürchtet sie<lb/> es. Auf der Art des Angriffes
                    beruhet das meiste; ein Herz das man<lb/> wohl angegriffen hat erobert man
                    gewiß. Man verschaffe sich eine erste<lb/> Zusammenkunft; man drücke sich
                    lebhaft und ungezwungen aus. Eine<lb/> übel aufgenommene Erklärung muß die
                    Hofnung nicht benehmen. Gebt<pb n="454"/><lb/> mehr auf das übrige Betragen der
                    Schönen Acht, als auf ihre Rede.<lb/> Schreibt ihr, wenn sie zu sprechen
                    unmöglich ist. Die Liebe war es ja,<lb/> welche die Kunst die Worte abzumalen
                    und den Ton sichtbar zu machen<lb/> erfand. Nunmehr zeigt der Dichter, was für
                    Mittel anzuwenden sind,<lb/> wann die Schöne hartnäckig darauf besteht,
                    unempfindlich zu scheinen.<lb/> Er erläutert seine Lehre mit einem Beyspiele des
                    Herzogs von Nemours<lb/> und der Prinzeßin von Cleves. Eine angenommene
                    Gleichgültigkeit lockt<lb/> das geheimnißvolleste Herz aus. Was feste genug zu
                    seyn scheinet hält<lb/> man nicht; man hält nur das, wovon wir fürchten, es
                    möchte uns ent<c type="bindestrich">-</c><lb/> wischen.</p>
                <p> Die Glieder des zweyten Gesanges sind folgende. Die Gelegenheit<lb/> ist oft der
                    Liebe vortheilhaft, man muß ihren schnellen Flug anzuhalten,<lb/> ihr
                    zuvorzukommen und sie bey der Stirne zu fassen wissen. Der Lieb<c
                        type="bindestrich">-</c><lb/> haber und Soldat müssen geschwind seyn.
                    &#8212; &#8212; <q n="006">Folget überall den<lb/> Schritten eurer
                        Schönen; sehet nichts, bewundert nichts, liebet nichts,<lb/> als ihre
                        Reitze. Die zärtliche Liebe belohnt sich zuletzt und man gefällt<lb/> dem
                        Gegenstande, welcher empfindet, daß man ihm gefallen will.</q> Die<lb/> Orte
                    wohin man die Geliebte vornehmlich begleiten muß, sind die Komödie,<lb/> die
                    Oper, die Spatziergänge. <q n="007">Der Schauplatz ist den Wünschen der<lb/>
                        Verliebten günstig und das Hertz zu erweichen bietet er glückliche Augen<c
                            type="bindestrich">-</c><lb/> blicke an. Durch ihre Teuschereyen macht
                        die zaubernde Scene ihren<lb/> Betrug angenehm, schmeichelt, reitzet und
                        bewegt etc. &#8212; &#8212; Allzuliebens<c type="bindestrich"
                        >-</c><lb/> würdige <rs type="person" ref="#gaus">Goßin</rs></q>, bricht der
                    Dichter zum Schlusse dieser Materie aus,<lb/>
                    <q n="008">empfange hier den Preis, den dir tausend von deinen Reitzen
                        besiegte<lb/> Liebhaber darbieten. Ja, die schmeichelnden Töne deiner
                        rührenden<lb/> Stimme, deine Thränen, deine Blicke, deren Anmuth bezaubert,
                        schiessen<lb/> überall siegende Pfeile der zärtlichsten Liebe ab. Sie
                        herrschet durch deine<lb/> Augen; dir ist sie alle Herzen schuldig.
                        Glücklich, wer dich sehen kan,<lb/> wer mit dir sprechen, wer dich hören
                        kan! Glücklich, wer dir gefallen<lb/> kan! Glücklich den dein Mund mit einem
                        kostbaren Lächeln beglükt,<lb/> wer sein Glück in deinen bewegten Augen
                        lieset! Empfange diese Verse,<lb/> die die Liebe erzeugte. Ich singe ihre
                        Reitze und du machst sie be<c type="bindestrich">-</c><lb/> kannt.</q>
                    &#8212; &#8212; Wenn wird unser deutsches Theater eine <rs type="person"
                        ref="#gaus">Goßin</rs> bekom<c type="bindestrich">-</c><lb/> men, welche
                    einen Dichter in so süsse Entzückungen zu versetzen fähig<lb/> ist? &#8212;
                    &#8212; Der zweyte Ort, wohin man der Schönen folgen muß, ist<lb/> die Oper,
                    der Tempel der Liebe, wo sie alle Sinnen aufbietet sie durch<pb n="455"/><lb/>
                    sich einzunehmen. <q n="009">Verliebte, strömet in diese prächtige Schauspiele.
                        Die<lb/> allzeit siegende Liebe weiß da von keinem Hindernisse, und alle
                            ver<c type="bindestrich">-</c><lb/> einigte Künste bieten alle Arten des
                        Vergnügens an. Sucht ihn, redet<lb/> ihn an, den Gegenstand eurer Wünsche.
                        Die schmeichelnde Harmonie<lb/> der <rs type="person" ref="#lull"
                        >Lullischen</rs> Töne, welche die Liebe mit den Gesängen des <rs
                            type="person" ref="#quina">Quinaut</rs><lb/> verband, wird sie ganz mit
                        einer schmachtenden Verwirrung erfüllen,<lb/> und auf ihrem Munde werdet ihr
                        die Strenge erblassen sehen. Wenn<lb/> Cadmus feyerlich die Treue schwört,
                        so werden ihre Augen euch eine<lb/> ewige Liebe schwören. &#8212;
                        &#8212; Clio glänzet im Winter, Flora im<lb/> Frühlinge; jede hat ihre
                        Zeit. Liebt die reizenden Betrügereyen der<lb/> ersten, doch vergeßt nicht,
                        daß man auch der Natur ihre Augenblicke<lb/> geben müsse. &#8212;
                        &#8212; Unter jenen wachsenden Lauben, wo die Götter des<lb/> Lachens
                        herumflattern und Philomele durch zärtliche Klagen entzückt;<lb/> da könnt
                        ihr dem geliebten Gegenstande eure zärtlichsten Gesinnungen<lb/> durch eure
                        Augen erklären. Laßt eure Begierden in allen euren Be<c type="bindestrich"
                        >-</c><lb/> wegungen lesen; alles entdecke an euch die heftigste Glut. Habt
                        einen<lb/> traurigen Anblick, einen langsamen Gang. Suchet nichts als ihre
                        Augen,<lb/> fliehet sie dann, und suchet sie wieder. Ueberall wird euch ihr
                        Herz<lb/> folgen, und schalkhaft wird die Liebe sie ihre Zärtlichkeit
                        verrathen<lb/> lassen.</q> &#8212; &#8212; Hierauf weiset der
                    Dichter, wie natürlich dem Frauen<c type="bindestrich">-</c><lb/> zimmer die
                    Begierde zu gefallen sey. Diese ist ihre erste und letzte<lb/> Leidenschaft.
                    Gleichwohl ist es bey seiner Liebe unruhig. Diese Unruhe<lb/> ihm zu benehmen,
                    sie ihr bey einer geheimen Zusammenkunft zu be<c type="bindestrich">-</c><lb/>
                    nehmen, da lasse der Liebhaber seine Stärke sehen. Er finde sich zuerst<lb/> an
                    dem bestimten Orte ein; er suche sie durch Versicherungen, durch<lb/> Schwüre,
                    durch Thränen zu gewinnen. &#8212; &#8212; <q n="010">Sind Thränen
                        nöthig sie<lb/> besser zu überzeugen, so lasset ganze Ströme derselben aus
                        den Augen<lb/> brechen. Weinet! die zärtlichste Liebe ergötzt sich an
                        Thränen, und ihre<lb/> süsseste Stille entstehet aus der Unruhe. Ihre
                        theuersten Myrten sind<lb/> mit Thränen befeuchtet, und wer nicht weinen
                        kan, kennet ihre Anmuth<lb/> nicht. &#8212; &#8212; Endlich siegt
                        die Liebe und die Strenge wanket. Die<lb/> Zärtlichkeit flimmert in den
                        schmachtenden Augen; die Unbewegliche wird<lb/> bewegt, und erkühnt sich
                        nicht den Fuß aus der Falle zu ziehen, die<lb/> ihr gefällt. Erntet dann den
                        ersten Genuß auf ihrer zitternden Hand<lb/> ein; ein Kuß redet ans Herz,
                        denn er ist die Sprache des Herzens.<lb/> Liebe, umsonst flieht man dich!
                        Alles empfindet deine Gewalt, alles<pb n="456"/><lb/> weichet deinen
                        Reitzen; so gar das stolze Gespenst, die eitle Weltweisheit.<lb/> Kom,
                        Kolossus von Rauch, siehe den Hochmuth eines deiner größten<lb/> Meister
                        biegen, und lerne dich kennen.</q> Hierauf beschließt der Dichter<lb/> den
                    zweyten Gesang mit der Erzählung der Liebe <rs type="person" ref="#desc">des
                        Cartes</rs>; die uns<lb/> aber ein wenig trocken vorkommt. Sie hat zwar
                    ihren guten historischen<lb/> Grund, da man weiß daß dieser Weltweise in Holland
                    eine Tochter,<lb/> mit Namen <rs type="person" ref="#desc_f">Francine</rs>
                    gehabt hat: so wie <rs type="person" ref="#newt">Newton</rs> einen <rs
                        type="person" ref="#newt_jr">Sohn</rs>. Der<lb/> einzige Punkt worinne der
                    Verfechter und der Vernichter des leeren<lb/> Raumes vielleicht einander gleich
                    gewesen sind.</p>
                <p>Im dritten Gesange werden die Eigenschaften beschrieben, die ein<lb/> Liebhaber
                    haben muß, wenn er gefallen will. Der Dichter fängt mit<lb/> einer doppelten
                    Allegorie der lasterhaften und nichtigen, und der weisen<lb/> und dauerhaften
                    Liebe an. Vor allen muß man sich bemühen den Cha<c type="bindestrich">-</c><lb/>
                    racter des geliebten Gegenstandes zu erforschen. <q n="011">Seine Geliebte zu
                            be<c type="bindestrich">-</c><lb/> zwingen, muß man aufmercksam ihr zu
                        gefallen, und von seinem Vor<c type="bindestrich">-</c><lb/> satze ganz
                        erfüllet seyn; nach ihrem Geiste, nach ihrem Geschmacke muß<lb/> man sich
                        falten, dencken, lieben, handeln wie sie, und sich ganz in sie<lb/>
                        verwandeln.<!-- Diesen Teil der Überssetzung kann ich so nicht finden. Es muß ja wohl am Anfang des dritten Gesanges sein  -->
                        Ist sie eine Schülerin der ernsten Weisheit, trägt sie in<lb/> ihrem Herzen
                        ein langsames Feuer, welches sie bestreitet? Geht nicht<lb/> allzukühn fort,
                        und schonet ihre Tugend. Vereinigt sie mit der Liebe<lb/> einen
                        philosophischen Geist? Redet, den <rs type="person" ref="#male"
                        >Malebranche</rs> in der Hand, nichts<lb/> als Metaphysick. Tadelt sie?
                        Tadelt. Lobt sie? Lobt. Tanzet sie?<lb/> Tanzet. Singt sie? Singet. Mahlt
                        sie? bewundert ihre Werke. Lieset<lb/> sie euch ihre Verse? verschwendet die
                        Lobeserhebungen.</q> &#8212; &#8212; Diese<lb/> Erforschung der
                    Charaktere muß auf beyden Theilen seyn, und keines<lb/> muß glauben, der
                    Verstellung berechtiget zu seyn. Wer tugendhaft ist<lb/> der scheint es, und die
                    Verbergung der wahren Gestalt ist ein gewisser<lb/> Beweiß von ihrer
                    Häßlichkeit. Man bestrebe sich also durch Verdienste<lb/> liebenswerth zu
                    werden; aus der Hochachtung entspringt die Liebe; man<lb/> habe die Gesinnungen
                    und die Aufführung eines Mannes, der die Welt<lb/> kennet; man trotze nicht auf
                    äusserliche Vortheile, die nur von allzukurzer<lb/> Dauer sind; man schmücke
                    seinen Geist mit dauerhaftern Reizen; man<lb/> verbinde mit der Zärtlichkeit des
                    Witzes großmüthige Gesinnungen des<lb/> Herzens; man fliehe das gezwungene
                    Betragen eines Stutzers; man sey<lb/> gleichförmig in der Aufführung; man prahle
                    nicht mit Metaphysik und<lb/> Versen, eine Prahlerey, die der üble Geschmack zu
                    rechtfertigen scheinet;<pb n="457"/><lb/> man vermeide den lächerlich kostbaren
                    Ton der Neologisten; man sey kein<lb/> Lustigmacher, der die geringsten Fehler
                    auch seiner Freunde anfällt; die<lb/> Wahrheit wohne allezeit auf den Lippen;
                    nie komme ein Ausdruck in<lb/> den Mund, der die Schamhaftigkeit roth macht und
                    die Unschuld zum<lb/> Schaudern bringt; man halte sich zu Grossen, deren Umgang
                    die Schule<lb/> der Tugend und Artigkeit ist. &#8212; &#8212; Hier ist
                    der Dichter gedoppelt ein<lb/> Dichter; und die Schmeicheleyen die er diesem und
                    jenen französischen<lb/> Hofmanne macht, den er mit Namen nennt, sind nicht zu
                    übersetzen. &#8212; &#8212;<lb/> Doch die Welt allein bildet einen
                    vollkommenen Menschen nicht. Das<lb/> Lesen der besten Schriftsteller muß dazu
                    kommen. <rs type="person" ref="#lafo">La Fontaine</rs>, <rs type="person"
                        ref="#moli">Moliere</rs>,<lb/>
                    <rs type="person" ref="#raci">Racine</rs>, <rs type="person" ref="#regn"
                    >Regnard</rs>, <rs type="person" ref="#dest">Nericaut</rs>, <rs type="person"
                        ref="#chau">La Chaussee</rs>, <rs type="person" ref="#gres">Gresset</rs>,
                        <rs type="person" ref="#chaul">Chaulieu</rs>, <rs type="person" ref="#berni"
                        >Bernis</rs>,<lb/> und wer sie sonst sind, die Mahler, welche Natur und
                    Kunst gebildet<lb/> hat, die Helden der Gesinnungen, die das edelste Feuer
                    belebt! &#8212; &#8212;<lb/> Hiebey vermeide man das französische
                    Vorurtheil, die Nachbarn zu ver<c type="bindestrich">-</c><lb/> achten. <q
                        n="012">Es giebt gewisse in ihre Sphäre so eingeschränkte Geister, die<lb/>
                        nur den Himmelsstrich preisen, unter welchem sie gebohren sind, furcht<c
                            type="bindestrich">-</c><lb/> sam ihren Großältern nachschleichen und
                        nur die Güter loben, die vor<lb/> ihren Augen wachsen. Für sie ist ausser
                        Paris kein Genie anzutreffen,<lb/> und das Chaos fängt an, da wo sich
                        Frankreich endet. Leget diesen<lb/> närrischen Hochmuth, den ihr mit der
                        Milch eingesogen habt, ab. In<lb/> den wildesten Gegenden giebt es <rs
                            type="person" ref="#pilp">Pilpais</rs>. Der abergläubische Spanier,<lb/>
                        der selbstmörderische Engländer haben Sitten und Gaben. Erforschet<lb/>
                        ihren Geschmack und macht euch der Schätze zu Nutze, welche die Natur<lb/>
                        andern Ufern vorbehält.</q> &#8212; &#8212; Dieses sind Lehren,
                    welche kluge<lb/> Franzosen ihren Landsleuten noch unzähligmal wiederhohlen und
                        unzählig<c type="bindestrich">-</c><lb/> mal umsonst wiederhohlen werden.
                    &#8212; &#8212; Nunmehr kommt der Dichter<lb/> auf den Zweykampf, die
                    Frucht des falschen Muths. Er beschreibt alle<lb/> schreckliche Folgen
                    derselben, und will in einer kleinen Geschichte lehren,<lb/> wie vermögend ein
                    Frauenzimmer sey, diese Raserey bey Mitbuhlern zu<lb/> unterdrücken. Auch diese
                    Geschichte will uns im Ganzen nicht gefallen.<lb/> Wir wollen die Rede eines
                    Frauenzimmers, die in voller Unschuld ihre<lb/> Liebe entdeckt, daraus
                    hersetzen: <q n="013">Was empfindet man, was will man,<lb/> wenn man liebt?
                        Belehre mich Zamor, warum mein zitternder Geist,<lb/> wenn ich mit dir rede,
                        eine ihm sonst unbekannte Verwirrung fühlt.<lb/> Mein Herz zerfließt, wenn
                        ich dich sehe. Seitdem dich ein Gott in<lb/> diese Insel führte, begleitet
                        und entzückt mich dein Bild Tag und Nacht.<pb n="458"/><lb/> Der zärtliche
                        Eindruck deiner geringsten Reden, wird immer in mir<lb/> neu, und scheint in
                        mir zu leben. Gestern seufzete ich deiner langen<lb/> Abwesenheit wegen, als
                        Dorival erschien. &#8212; &#8212; Ach welcher Unterschied!<lb/> Ich
                        empfinde das nicht für ihn, was ich für dich empfinde. &#8212;
                        &#8212; In<lb/> was für ein Gift würde sich meine Liebe verwandeln, wenn
                        Zamor<lb/> nicht so sehr liebte, als er geliebet wird.</q></p>
                <p> Der vierte Gesang fängt mit der Beschreibung des Nachttisches<lb/> an. Bey
                    diesem sich einzufinden, doch erst alsdann, wann das Frauen<c type="bindestrich"
                        >-</c><lb/> zimmer die Reitze des Gesichts in Ordnung gebracht hat, ist die
                    Pflicht<lb/> eines Liebhabers. Der Nachttisch ist ein Tempel, der niemals ohne
                    Dienst<lb/> seyn muß; ein Madrigal, eine Sinnschrift, ein Lied, ein Sonnet
                    sind<lb/> die Lobgesänge, welche die Gottheit der Liebe daselbst preisen.
                    Dieses<lb/> führt den Dichter auf die Macht der Poesie, auf ihren Ursprung,
                    auf<lb/> ihre Reize, auf ihre Vorrechte. &#8212; &#8212; <q n="014"
                        >Weihet, Verliebte, dieser bezau<c type="bindestrich">-</c><lb/> bernden
                        Kunst einige Augenblicke, mehr euch beliebt zu machen, als in<lb/> die
                        Klasse der Schriftsteller zu kommen. Sie weiß den Eingang in das<lb/>
                        unwirthbarste Herz zu finden. Nicht Löwen, Felsen, Sturmwinde hat<lb/> man
                        mehr durch sie zu erweichen, sondern allein die Strenge des<lb/>
                    Herzens.</q> &#8212; &#8212; Von der Poesie kömt er auf die Vortheile
                    des<lb/> Schmauses, den Mittelpunkt der Aufrichtigkeit. Der Schmaus bietet
                    die<lb/> zärtlichsten Geständnisse dar, und berechtiget sie; wie sehr hilft er
                    der<lb/> Liebe, wann zumal Musick und Tanz ihn begleiten, diese Kinder der<lb/>
                    Zärtlichkeit. &#8212; &#8212; <q n="015">Auch das Spiel ist für
                        Liebhaber. Die Munterkeit<lb/> hat den Vorsitz, bey diesem lachenden
                        Streite, den das Schicksal ent<c type="bindestrich">-</c><lb/> scheidet. Der
                        Verdruß, die lange Weile werden auf Flügeln der Zeit<lb/> davon geschickt.
                        Jeder Augenblick bekömt eine neue Gestalt. Das Glück<lb/> flattert herum, es
                        drohet, es lacht; die Hofnung strahlet und verschwindet;<lb/> das Gold
                        wächset und vertrocknet. Doch wollt ihr den Augen derjenigen<lb/> gefallen,
                        welche euer Herz beherrscht, so fliehet den Ruff eines Spielers<lb/> von
                        Profeßion. Das Herz wird getheilt, eure Geliebte aber will es<lb/> ganz
                        besitzen.</q> Hier zeigt der Dichter, wie weit sich ein vernünftiger<lb/>
                    Liebhaber in das Spiel einlassen müsse. Nie muß die Geliebte darunter<lb/>
                    verliehren, die man beständig zu sehen, sich zu einer süssen Gewohnheit<lb/>
                    machen muß. Diese allein entscheidet; man wird sich wesentlich, und<lb/> endlich
                    sind es zwey Körper welche eine Seele belebt. Doch muß man<lb/> deswegen nicht
                    den andern Umgang fliehen, und aus Liebe ein Menschen<c type="bindestrich2"
                        >-</c><pb n="459"/><lb/> feind werden. Man muß fortfahren seine Freunde zu
                    besuchen und sie<lb/> zu schätzen. Hier schildert der Dichter das Lob der
                    Freundschaft. <q n="016">Das<lb/> geheime Vergnügen einer zärtlichen Verbindung
                        theile euern Tagen<lb/> neue Anmuth mit. Bringet der Welt eine geschmeidige
                        Biegsamkeit<lb/> davon her, und verbindet euch die Gemüther durch einen
                        willigen Um<c type="bindestrich">-</c><lb/> gang. Besonders erwerbt euch den
                        Schatz eines weisen Freundes, an<lb/> dessen Werth weder Ehre noch Gold
                        kömmt. Er ist eine Quelle von<lb/> Tugenden, die euch nützlich sind; er ist
                        eine leuchtende Fackel auf den<lb/> dunkelsten Wegen; nach der Liebe ist er
                        das kostbarste Geschenke des<lb/> Himmels. Bey ihm leget alle Geheimnisse
                        eurer Seele nieder, nur nicht<lb/> die Geheimnisse eurer Liebe.</q> Die
                    Verschwiegenheit ist eine der vor<c type="bindestrich">-</c><lb/> nehmsten
                    Tugenden eines ehrlichen Mannes, und der Dichter glaubt, daß<lb/> sie besonders
                    den Franzosen einzuschärfen sey. Ein Vertrauter wird oft<lb/> zum Mitbuhler,
                    welches er durch das Beyspiel <rs type="person" ref="#hein">Heinrichs</rs> des
                    IVten, des<lb/>
                    <rs type="person" ref="#bell">Ritters von Bellegarde</rs> und der <rs
                        type="person" ref="#estr">Gabrielle Destrees</rs> erläutert.</p>
                <p> Fünfter Gesang. Ein geheimer verliebter Umgang hat seine Reize;<lb/> doch weit
                    mehr Vergnügen geniessen Verliebte, die sich für den Augen<lb/> der Welt lieben.
                    Dazu zu gelangen, muß man sich einen freyen Zutritt<lb/> bey seiner Geliebten zu
                    verschaffen suchen, unter dem Titel eines Freundes;<lb/> man muß die Charaktere
                    derjenigen zu erforschen suchen, die um ihr<lb/> sind, und von welchen sie in
                    etwas abhanget. Hierunter gehören vor<c type="bindestrich">-</c><lb/> nemlich
                    die Vormünde. <q n="017">Predigt er, in einen Lehnsessel gekrümmt,<lb/> schwach
                        und kolsternd, voller Galle gegen die jetzige Zeit, wider die<lb/> Jugend
                        und ihre ausserordentliche Verschwendung? Setzt er seine Ehre<lb/> und sein
                        höchstes Gut in das Gold, in welchem er schwimmt ohne es<lb/> zu geniessen?
                        So rühmt seinen jetzigen und zukünftigen Reichthum, und<lb/> heimlich
                        beklagt seine wirkliche Armuth.</q> Oft bestimmt so ein Wütherich<lb/> den
                    Gegenstand unserer Liebe dem Kloster, diesen dem ewigen Verdruß<lb/> gewidmeten
                    Mauern, den Gräbern, welche eine rasende Schwärmerey<lb/> gehölet hat, welche
                    die Reue, der Irrthum, die Tyranney bewohnen.<lb/> Doch dieser Aufenthalt
                    ersticket die Heftigkeit der Leidenschaft nicht, und<lb/> die Beständigkeit des
                    Liebhabers erlangt ihren Zweck. &#8212; &#8212; Bey vielen,<lb/> weil
                    sie allzugewiß sind; daß sie geliebet werden, erkaltet die Liebe. <q n="018"
                        >Der<lb/> zuversichtliche Medor verläßt sich auf seinen Sieg und wenig
                        bewegt<lb/> von der Unruhe seiner Geliebten, betrachtet er mit einem heutern
                        Auge<lb/> sein Glück. Als ein ruhiger Beherrscher eines ihm unterthanen
                            Herzen<pb n="460"/><lb/> trotzt er ihrem Argwohne, und lacht über ihre
                        Beängstigung. Er höret<lb/> ihre Klagen nicht, er sieht ihre Thränen nicht.
                        Bey ihr ist er ab<c type="bindestrich">-</c><lb/> wesend; und redet sie mit
                        ihm, so ist er zerstreut; er betrachtet einen<lb/> Ring oder ein Bild, er
                        ruft seinen Hund, er spricht mit ihm und<lb/> streuchelt ihn. Aus seiner
                        umwölkten Stirne leuchtet eine stolze Ver<c type="bindestrich">-</c><lb/>
                        achtung; und wenn die Geliebte ganz Feuer ist, so ist er ganz Eis.</q><lb/>
                    &#8212; &#8212; Doch muß man auch nicht seine Liebe durch
                    Ausschweifungen der<lb/> Eifersucht zu beweisen suchen; wohl aber kann man sich
                    auf kurze Zeit<lb/> entfernen, um die Beständigkeit der Geliebten auf die Probe
                    zu stellen.<lb/> Eine allzulange Abwesenheit ist das traurigste Unglück für
                    Verliebte.<lb/> Es zu lindern schencke man sein Bildniß der Geliebten, und suche
                    das<lb/> ihre dafür zu erhalten. Die Liebe so wohl als die Freundschaft
                    erlaubt<lb/> den Gebrauch der Geschencke; diese aber müssen gewehlt seyn, und
                    man<lb/> muß mehr die Empfindlichkeit der Schönheit als ihr Glück dabey zu<lb/>
                    Rathe ziehen. Erhält man zum Gegengeschencke ein von ihren Haaren<lb/>
                    geflochtenes Armband; welches kostbare Pfand der zärtlichsten Liebe! Das<lb/>
                    sicherste Mittel ohne Nebenbuhler geliebt zu werden, ist eine gleiche un<c
                        type="bindestrich">-</c><lb/> getheilte Liebe gegen die, von welcher man
                    dieses Glück begehrt. Hier<lb/> haben beyde Geschlechter gleiches Recht; und
                    dieses so wohl als jenes<lb/> kann sich über die Untreue des andern beklagen.
                    Wie schädlich aber ist<lb/> dabey eine stürmende Eyfersucht! Nimmermehr wird
                    diese ein Herz wieder<lb/> zurück bringen, welches nur durch Gefälligkeit und
                    Anmuth von neuen<lb/> gewonnen wird. Diesen Satz erläutert der Dichter durch das
                    Exempel<lb/> des ersten <rs type="person" ref="#fran">Franciscus</rs> Königs von
                    Frankreich und der zwey Herzoginnen<lb/> von <rs type="person" ref="#piss"
                        >Etampe</rs> und von <rs type="person" ref="#poit">Valentinois</rs>.</p>
                <p> In dem letzten Gesange nahet sich der Dichter dem glücklichen Zeit<c
                        type="bindestrich">-</c><lb/> punkte, da die Liebe gekrönt wird. Er
                    beschreibt die Besorgniß der Ge<c type="bindestrich">-</c><lb/> liebten durch
                    einen völligen Genuß ihren Liebhaber allzusehr zu sättigen,<lb/> und in der That
                    sind diese Gunstbezeigungen oft die Mörder einer Lei<c type="bindestrich"
                    >-</c><lb/> denschaft, die die wohlgegründeste zu seyn schien; weil sie
                    meistentheils<lb/> die Mängel auf beyden Theilen entdecken. Hier hat also der
                    Liebhaber<lb/> seine ganze Kunst anzuwenden, jene Besorgniß zu zerstreuen, und
                    sein<lb/> gutes Glücke mit Behutsamkeit weiter zu treiben. Lobt er seine
                    Gebieterin,<lb/> so muß dieses Lob fein angebracht seyn. <q n="019">Lobet mit
                        Anmuth, und lobet<lb/> mit Genauigkeit. Man wird unhöflich, durch allzuviel
                        Höflichkeit. Legt<lb/> ihr keine Reize bey, von denen sie, Danck sey ihrem
                        Spiegel, weiß daß<pb n="461"/><lb/> sie sie nicht hat. Bey der blassen Fanny
                        lobet nicht die blühenden Rosen;<lb/> leihet ihr Schönheiten, allein ohne
                        die Sache zu übertreiben. Ein über<c type="bindestrich">-</c><lb/> triebenes
                        Lob ist unschmackhaft, und man lacht drüber. Oft, euch zu<lb/> erforschen,
                        lobt sie Reize an andern, die ihr der Himmel nicht beygelegt<lb/> hat: Wie
                        lebhaft ist Iris! wie schöne ist Dorinde! Dieses ist ein heim<c
                            type="bindestrich">-</c><lb/> licher Fallstrick, den euch ihre Furcht
                        leget. Sagt also, daß ihre Reize<lb/> nichts rührendes haben, und treibt die
                        List so gar, bis sie zu verachten.<lb/> Das Lob einer jeden andern hat das
                        Ansehen einer Critick.</q> &#8212; &#8212;<lb/> Den
                    Unvollkommenheiten der geliebten Person muß man vortheilhafte<lb/> Namen geben.
                    Hiezu hilft die Gewohnheit nicht wenig, welche oft die<lb/> Augen so verblendet,
                    daß sie wirkliche Fehler für Schönheiten ansehen.<lb/> &#8212; &#8212;
                    Doch wie eigensinnig, wie wunderlich ist das Gemüth eines Frauen<c
                        type="bindestrich">-</c><lb/> zimmers! Wie oft wenn man sich ihrem Besitze
                    am nächsten geglaubt<lb/> hat, sieht man sich am entferntesten davon! Diesen
                    kleinen Wiederwärtig<c type="bindestrich">-</c><lb/> keiten zu begegnen, dahin
                    zielen die letzten Lehren des Dichters. Man<lb/> setze dem Eigensinne der
                    Geliebten Gefälligkeiten entgegen. Man bekenne,<lb/> daß man Unrecht habe;
                    dieses ist allezeit das sicherste Mittel mehr als<lb/> Vergebung zu erlangen.
                    Verliebte, die sich wieder vertragen, lieben sich<lb/> allezeit zärtlicher, als
                    sie sich vorher geliebt haben; <q n="020">und wenn ja bey<lb/> der Geliebten
                        Skrupel übrig blieben; sitzen ja noch Wolken des Miß<c type="bindestrich"
                        >-</c><lb/> trauens auf ihrer Stirne, und leset ihr in ihren Augen, daß ihr
                            un<c type="bindestrich">-</c><lb/> ruhiges Herz befürchtet nicht geliebt
                        zu werden; so schwöret ihr, daß<lb/> eure Seele sie anbete, und wiederholt
                        diesen Schwur hundertmal; be<c type="bindestrich">-</c><lb/> netzt ihre
                        Hände mit Tränen, erhebet ihre Reitze, fallet ihr zu Fusse,<lb/> rufet den
                        Tod an. Wo ist das grausame Herz das hierdurch nicht sollte<lb/> gerührt
                        werden?</q> Die Geliebte sucht die Verzweifelung zu stillen, durch<lb/>
                    längstgewünschte Gunstbezeigungen. Hier kömmt es drauf an, die Zeit sie<lb/>
                    einzuernten zu beobachten. Oft wird man in den süssesten Augenblicken<lb/>
                    gestört, und alsdenn muß der Liebhaber sein Spiel zu verstecken wissen.<lb/>
                    &#8212; &#8212; Der Dichter hat bisher den Verliebten nur kleine
                    Schreckbilder<lb/> gewiesen; jetzt aber zeigt er ihnen ein wirkliches. Der
                    geliebte Gegen<c type="bindestrich">-</c><lb/> stand wird krank. Hier hat die
                    Liebe ihre stärkste Probe abzulegen; für<lb/> die sie aber nur allzusehr belohnt
                    wird, wann die Kranke wieder her<c type="bindestrich">-</c><lb/> gestellet wird.
                    Folgt sie der Stimme des Frühlings, welche sie auf das<lb/> Land ladet? Folget
                    ihr dahin; da ist es, wo euch die Liebe den schönsten<lb/> Triumph vorbehält; da
                    untersteht man sich alles, da erhält man alles.<pb n="462"/><lb/> &#8212;
                    &#8212; <q n="021">Muse, hier hemme deinen Lauf, und wag es nicht mit
                        einem<lb/> allzukühnen Blicke in das Heiligthum zu dringen, wo das Opfer
                            er<c type="bindestrich">-</c><lb/> blasset, und die Liebe es betrachtet.
                        Dieses Geheimniß verlangt die<lb/> tiefste Verschwiegenheit. Laß auf deiner
                        Stirne, Muse, die Anmuth<lb/> und Schamhaftigkeit verschwistert prangen;
                        fliege in den Himmel zurück;<lb/> dein Weg ist vollendet. &#8212;
                        &#8212; Liebe, du lehrest mich deinen Dienst,<lb/> und deine
                        Geheimnisse, die du in meinen Liedern niedergelegt hast.<lb/> Deine
                        unsterblichen Myrten umkränzen meinen Frühling, ich sang dein<lb/> Gesetz
                        der Welt, und hatte noch nicht zwanzig Jahre.</q></p>
                <p> Hiermit endet der Dichter seine Kunst zu lieben. Zum Schlusse<lb/> des Werks
                    findet man noch ein Gedichte über den Tod seiner Zulni, die<lb/> er in dem
                    ersten Gesange als seine Muse angeruffen hat. Dieses Ge<c type="bindestrich"
                    >-</c><lb/> dichte ist ungemein zärtlich und vielleicht ist mehr Empfindung
                    darinne,<lb/> als in allen sechs vorhergehenden Gesängen; wovon wir dem Leser
                    das<lb/> Urtheil überlassen wollen, da wir ihn gnugsam in den Stand gesetzt<lb/>
                    haben, es fällen zu können.</p>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>

